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In memoriam Jiří Menzel

06.09.2020

In Prag ist der Komödienmeister gestorben.

Jiří Menzel gehörte zu den talentiertesten Komödienregisseuren des Kinos. 1968, gerade mal 28-jährig, holte sich der Tscheche mit «Scharf beobachtete Züge» den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Es wurde ein Schlüsselwerk des Prager Frühlings. Doch dann fiel sein Film «Lerchen am Faden» der Zensur zum Opfer - die Phase der Liberalisierung und der tschechischen Nouvelle Vague war mit der Niederschlagung des Prager Frühlings vorbei. Während Kollegen wie Milos Forman ins Exil gingen, entschied sich Jiří Menzel, im Land zu bleiben. Er arbeitete als Regisseur und Schauspieler für Film und Theater. Mit seinen erfolgreichen Komödien der 1970er Jahre lotete er die Grenzen des politisch Machbaren aus.

Jiří Menzel war am 23. Februar 1938 als Sohn des Kinderbuchautors Josef Menzel in Prag zur Welt gekommen. «Humor bekam ich von meinem Grossvater mütterlicherseits, meinem Vater verdanke ich seine Kultur. Ich wuchs mit seinen Büchern auf. Und frech zu anderen Menschen zu sein, ohne dass sie auf mich böse werden, übte ich an meiner Mutter.»

Während seiner Ausbildung an der Prager Filmhochschule FAMU von 1957 bis 1962, wo er zusammentraf mit Věra Chytilová, Evald Schorm, Jan Nemec, Pavel Jurácek und anderen, die später den Kern der tschechoslowakischen «Neuen Welle» bildeten, drehte er seine ersten Kurzfilme «Domy z panelů» (1960) und «Umřel nám pan Foerster» (1962). Danach arbeitete er bis 1965 bei der Wochenschau und begann, was er zeit seines Lebens fortsetzen sollte: Seine Arbeit am Theater. Menzel war Regisseur, Autor, Dramaturg und Schauspieler. Sein Filmdebüt als Darsteller hatte er 1962 in «Strop» seiner Studienkollegin Věra Chytilová, den letzten Filmauftritt hatte er in Martin Šulík «Dolmetscher» (2018).

Weltweit Aufsehen erregte Jiří Menzel 1966 mit seiner Komödie «Scharf beobachtete Züge» (Ostre sledované vlaky - Liebe nach Fahrplan), die zunächst beim Internationalen Filmfestival Mannheim ausgezeichnet wurde und 1967 den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt. Hier wie in weiteren Filmen dienten Menzel literarische Vorlagen von Landsmann Bohumil Hrabal als Vorlage. Von der Oscar-Verleihung zurückgekehrt, gab der dreissigjährige Jiri Menzel zu Protokoll: «Alles, was uns repräsentiert, enthält Humor. Der ist uns nicht angeboren, der wurde uns aufgezwungen. Denn ohne Sinn für Humor kann man in der Tschechoslowakei gar nicht leben.» Als er 1969 «Lerchen am Faden» (Skřivánci na niti) verfilmte, wurde der satirische Film nach der Niederschlagung des Prager Frühlings verboten und konnte seine Premiere erst an der Berlinale 1990 feiern. Dort allerdings wurde er mit dem Goldenen Bären geehrt.

Jiří Menzel war 1970 mit einem Berufsverbot belegt und konzentrierte sich auch deshalb vorübergehend aufs Theater und seine Hausbühne im Prager Stadtteil Vinohrady. Einen Grosserfolg landete er 1981 mit «Postřižiny» (Kurzgeschnitten), einer Geschichte aus dem Böhmen der 1920er Jahre. Mehrfach spielte er nicht nur in seinen eigenen Filmen, zu sehen war er unter anderem auch in Gyula Maárs «Felhőjáték» (1983) und Krzysztof Zanussis «Das lange Gespräch mit dem Vogel» (1990). Sechs der Komödien von Jiří Menzel sind in der edition trigon-film auf DVD erschienen und greifbar, begleitet mit dem filmischen Poträt «To Make A Comedy Is No Fun» von Robert Kolinsky. Auf filmingo sind alle Filme auch auf VoD anzuschauen.

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