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Paul Leduc gestorben

21.10.2020

Einer der Grossen des lateinamerikanischen Kinos

Am 21. Oktober ist der mexikanische Filmemacher Paul Leduc in seiner Heimatstadt Mexico City gestorben, jener Stadt, in der am 11. März 1942 zur Welt gekommen war. Nach einem Studium in Architektur und Theater hatte er zunächst als Filmkritiker gearbeitet, bevor er von 1964 bis 1967 in Paris am IDHEC mit Jean Rouch ein Studium in Filmwissenschaften belegte. Zurück in Mexiko gründete er die Gruppe «Cine 70» und drehte 1972 seinen ersten Film «Reed – Mexico Insurgente» über die Revolutionszeit Mexikos nach dem 1914 erschienenen Werk des Journalisten John Reed.

Zusammen mit Fernando Birri, Miguel Littin, Tomás Gutiérrez Alea, Fernando Solanas und Jorge Sanjinés gehört Paul Leduc Rosenzweig zu den Filmschaffenden, die in Lateinamerika die Kamera in die Hand nahmen und ein eigenes Kino begründeten, das «Nuovo Cinema Latinoamericano», das in einer Stiftung mit Unterstützung von Gabriel Garcia Marquéz zusammengefasst wurde und in einem Festival in La Habana, das alljährlich stattfindet. Sie waren begeistert von der kubanischen Revolution und dem italienischen Neorealismo und pochten auf eigene Geschichten, eigene Erzählformen, eigene politische Vorstellungen. Widerstand gegen die alles dominierende Unterhaltungsmaschine Nordamerikas was angesagt und eben: engagiertes politisches Kino. Leduc erregte etwa mit seinem Ausrottungsalphabet «Ethnocidio» Aufsehen, einer dokumentarischen Annäherung an die Otomis aus dem Mezquital.

Zu den bekanntesten Filmen von Paul Leduc zählt natürlich «Frida: Naturaleza», das luzide Portrait der Malerin Frida Kahlo (1983). Er erzählte das Leben Fridas in wechselnde Richtungen. Sie war für ihn «eine Figur, die sehr stolz war auf ihre Kultur, und ein Porträt über sie bedeutete für mich auch ein Ausdruck dieses Stolzes.» Sechs Jahre später und im Hinblick auf 500 Jahre Entdeckung Amerikas (oder eben Kolonisation des Kontinents) gestaltete er «Barroco», locker basierend auf dem Roman «Barockkonzert» des Kubaners Alejo Carpentier. Vergleichbar mit den modulierenden Gesängen der Urwald-Indianer wechselte Paul Leduc in diesem Film die Tonarten, um den kulturellen Reichtum aufzuzeigen und das mögliche sinnliche Vergnügen bewusst zu machen. Er selber sagte mir in einem Gespräch 1991 im Hinblick auf die bevorstehenden 500-Jahrfeiern zur so genannten Entdeckung Amerikas: «Ich geniesse es, verschiedene Kulturen zu erleben, und ich glaube, es müsste ein zentraler Sinn der Menschheit sein, verschiedene Kulturen zu wahren, die Kulturen verschieden zu wahren. Das soll nicht heissen, dass man gegen den Fortschritt sein muss, aber ich glaube, dass man Formen einer gemeinsamen Entwicklung finden müsste, indem man die verschiedenen Wurzeln behält.»

Am Anfang war bei ihm das politische Kino, mit «Frida» kamen die Malerei in den Fokus und das Expressionistische; ein musikalisches Epochengemälde war «Barroco», wortlos das Liebesdrama «Latino Bar» und schonungslos «Dollar Mambo». Leduc zu seiner Entwicklung: «Während unsere Filme sich früher an ein grosses Publikum richten konnte, machen wir gegenwärtig nur noch Kammermusik.» Das Kino stellte für Paul Leduc eines der besten Beispiele für den Verlust an Identität dar. Nicht dass er etwas gegen die Universalität gehabt hätte, nur: «Um universell zu sein, braucht man von irgendetwas auszugehen.»

Walter Ruggle



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