Regisseur/in

Aida Begic

2 Filme im Verleih

Aida Begic wurde 1976 in Sarajevo geboren. Ihr Erstlingsfilm «Snijeg» (Schnee) gewann 2008 am Film Festival in Cannes den Grossen Preis der Jury. Ein Jahr später gründete sie die unabhängige Produktionsfirma Film House. Ihr zweiter Film «Djeca» wurde 2012 am Cannes-Festival in der Sparte «Un Certain Regard» gezeigt und von der Jury mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Für den Kurzfilm «Album», der Teil des Dokumentarfilms «Bridges of Sarajevo» ist, schrieb sie das Drehbuch und führte Regie. Aida Begic ist Professorin an der Academy of Performing Arts Sarajevo. Ihr dritter Film «Never leave me» über syrische Waisenkinder wurde auf verschiedenen Festivals weltweit gezeigt und ausgezeichnet. 2021 arbeitet sie an ihrem vierten Film «A Ballad».


Die Kunst des Lebens!
von Aida Begic

Der Tag, an dem die Belagerung von Sarajevo begann, war einer der glücklichsten meines Lebens. Das war kurz vor meinem 16. Geburtstag. Ich wachte auf, merkte dass ich verschlafen hatte und geriet in Panik. Im Wohnzimmer teilten mir meine Eltern nüchtern mit, dass die Schule ausfalle. Keiner von uns hatte sich damals vorstellen können, dass dieser Tag der Beginn einer brutalen Belagerung war: 1425 Tage, gefüllt mit Qual, Tod, Hunger, Kälte und Angst. Das Glück, das ich empfand, als ich mich wieder ins Bett legen konnte, war das Ergebnis einer grenzenlosen Naivität, die ich mit den anderen Einwohnerinnen und Einwohnern Sarajevos teilte. Bis zum Tag der Belagerung glaubten wir, dass ein Krieg überall auf der Welt, nur nicht in unserer Stadt ausbrechen könne.

Während meiner Kindheit in Jugoslawien hörte ich in Zusammenhang mit Kunst und Kultur oft den Satz: zuerst die materielle Basis, dann der spirituelle Aufbau. Es war allgemein akzeptiert, dass zuerst Fabriken und den Menschen Dächer über dem Kopf gebaut werden, bevor sie eine Ballettaufführung sehen durften. Unter dem Regime wurden mit diesem Kulturverständnis dennoch Tausende von Kulturzentren gebaut. Offensichtlich war eine solide materielle Basis schnell erreicht und blieb genügend Geld übrig, dass es auch im kleinsten Dorf Kultur gab. Trotzdem wuchsen wir mit dem Glauben auf, dass die Menschen Kunst und Kultur erst dann brauchten, wenn sie genügend gegessen haben. Doch dann veränderte die Belagerung diese Denkweise und machte deutlich, dass Menschen Kunst auch dann brauchen, wenn sie unter Hunger und Durst leiden. Es fällt schwer zu glauben, aber die Einwohnerinnen und Einwohner Sarajevos riskierten für ein Theaterstück oder ein Konzert ihr Leben. Ohne die materielle Basis wurde die Kunst zu einem menschlichen Grundbedürfnis. Die Kunst gab ihnen ihre Würde zurück. Es war ein Akt des Widerstands gegen die Barbarei und die sinnlose Zerstörung. Die Menschen zogen sich schön an, die Theaterstücke wurden bei Kerzenlicht inszeniert. Jeder Kinofilm, der gezeigt werden konnte, war eine Quelle der Freude.

Im schlimmsten Kriegsjahr begann ich Film und Theater zu studieren. Der Winter war bitterkalt, die Hungersnot in dieser Zeit am grössten. Eine Vorlesung in Filmgeschichte bleibt unvergesslich. Da der Strom praktisch immer ausfiel, konnten wir die Filme, über die wir sprachen, nie sehen. Doch eines Tages funktionierte die Stromversorgung plötzlich: Wir sahen Ingmar Bergmans «The Seventh Seal» und dann gleich noch «Wild Strawberries». Der Raum war so kalt, dass wir uns zwischendurch bewegen mussten, um nicht einzufrieren. Durch diese unvergessliche und körperlich unangenehme Erfahrung realisierte ich, wie wichtig Kunst für die Menschheit ist. Sie ist sinnstiftend und eine der schönsten Ausdrucksformen der Menschlichkeit. Für uns Junge war dieses Schaffen in Kriegszeiten auch eine Flucht vor der Zerstörung und Ausdruck einer grossen Hoffnung, dass das Leben den Tod am Ende besiegen wird.

Jede Krise, vor allem eine wirtschaftliche, stellt unsere Vorstellung über die Rolle der Künstler und Künstlerinnen in der Gesellschaft infrage. Budgetkürzungen setzen leider immer zuerst bei der Kultur an. Wir können den Verantwortlichen nicht erklären, dass sie damit den Kindern die Flügel beschneiden. Und doch frage ich mich jedes Mal, wenn ich in einer Krise stecke, ob es sich lohnt, in einem Land, das dem Kino keine Bedeutung beimisst und in einer Konsumgesellschaft, die einen Überfluss an visuellen Inhalten produziert, einen Film zu drehen. Doch dann erinnere ich mich an Bergmans Film und weiss, dass meine Arbeit gerechtfertigt ist, wenn sie das Leben auch nur eines einzigen Menschen verbessert oder ihm Sinn gibt.

Es lebe die Kunst! Es lebe das Kino!


Erschienen im Magazin EINE WELT 01/2020

Filmographie

2008: Snijeg

2011: Do Not Forget Me Istanbul

2012: Djeca - The Children of Sarajevo

2014: Les Ponts de Sarajevo

2017: Beni Bırakma (Never leave me)

2021: Project «A Ballad»

Children Of Sarajevo (Flyer)

Children Of Sarajevo (2012)

Rahima ist 23 und arbeitet in der Küche eines angesagten Restaurants in Sarajevo. Sie lebt mit ihrem 14-jährigen Bruder Nedim zusammen, den sie betreut, da die beiden ihre Eltern im Krieg verloren haben. Es ist nicht einfach für die junge Frau, für beide den Lebensunterhalt zu besorgen und mütterliche Pflichten wahrzunehmen. Unheimlich dicht erzählt Aida Begić aus dem heutigen Alltag in ihrer verwundeten Heimatstadt Sarajevo. Weiter

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Snijeg - Snow (Flyer)

Snijeg - Snow (2008)

Sechs Frauen, ein alter Mann und fünf Kinder leben in Slavno, einem kleinen Dorf, das fernab der Welt zu liegen scheint und doch in den 90er Jahren vom Krieg in Bosnien heimgesucht worden war. Jetzt soll ihr Dorf für ein Ferienzentrum an Serben verkauft werden. Sollen die Frauen das Angebot wahrnehmen und ihr verlassenes Dorf abgeben? Oder sollen sie bleiben? Das vielversprechende Debüt einer jungen Filmerin, sanft und berührend. Weiter

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Im Kino:

  • Bern, ABC: 14. März