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Interview

Lichtgestalt

Ein Gespräch mit der südkoreanischen Regisseurin July Jung zu ihrem Spielfilm «About Kim Sohee».

July Jung, könnten Sie uns in wenigen Worten das südkoreanische Ausbildungssystem erläutern, bei dem Jugendliche einen Praktikumsplatz in einem externen Unternehmen finden müssen?

In den südkoreanischen Schulen müssen die Schüler:innen nach der obligatorischen Schulzeit, also mit ungefähr 16 Jahren, entscheiden, ob sie an der Uni studieren oder eine Berufsausbildung machen möchten. Das Verhältnis liegt heute bei 50:50. Entscheiden sie sich für die Berufsausbildung, müssen sie im dritten und letzten Jahr ein Praktikum absolvieren. Danach können sie entweder in der Firma bleiben oder aufhören. Die Idee hinter dem System ist, die jungen Menschen auf die Arbeitswelt vorzubereiten.

Sie scheinen das System in Ihrem Film zu kritisieren.

Ich habe mich von einem wahren Fall inspirieren lassen, der sich 2016 zugetragen hat. Damals nahm sich eine junge Frau das Leben, die in einem solchen Unternehmen arbeitete. Der Vorfall hat mich beschäftigt und ich habe mich gefragt, wie junge Auszubildende überhaupt in dieses Umfeld geraten, warum sie von Schulen dorthin geschickt werden. Wie kommt es, dass dies in einer öffentlichen Einrichtung gang und gäbe ist? Ich habe selbst Nachforschungen angestellt, um herauszufinden, warum ein solches System, das Menschen in den Tod treibt, überhaupt existieren kann.

Dann ist die Figur der Kommissarin von Ihnen selbst inspiriert?

Ja, auf eine Art! (lacht) Aber im Grunde steht sie für alle Journalist:innen und Anwält:innen, die sich für die Rechte von Arbeitnehmenden einsetzen, die ernsthafte Recherchen durchgeführt haben und dieses Arbeitsmilieu anprangern. Ich wollte ihnen mit der Figur der Detektivin Respekt zollen.

Filmstill aus «About Kim Sohee»
Sohee ist Lernende an einer Berufsschule. Sie ist begeistert, als sie ein Praktikum im Callcenter eines grossen Internetanbieters bekommt, doch der begehrte Job entpuppt sich als albtraumhafter Arbeitsplatz.

Es ist schockierend zu sehen, dass nicht nur die Menschen verzweifelt sind, die in solchen Telefonzentralen arbeiten, sondern auch die Kund:innen, die sogar aktiv die Sperrung Ihres Internetzugangs verlangen – ein wahrlich starkes Zeichen in unserer Zeit!

Ich wollte zum Ausdruck bringen, was aus den menschlichen Beziehungen, vor allem zwischen jungen Menschen, in unserer Gesellschaft geworden ist. Es hat sich eine Distanz eingenistet, sei es nun in einer Telefonzentrale oder durch endloses Streamen: Die Menschen stehen nicht mehr wirklich in einem Austausch. Wir sind ständig online, kleben an unseren Handys, kommunizieren in Chats oder per Mail, das bedeutet aber nicht, dass wir mit anderen Menschen verbunden sind. Ich würde nicht behaupten, dass ich eine Kritik oder eine Anklage formulieren wollte, es ist vielmehr eine Beobachtung. Denn ob wir es wollen oder nicht, so funktionieren unsere Gesellschaften derzeit.

Filmstill aus «About Kim Sohee»
Detektivin Oh Yoo-jin schöpft Verdacht und ermittelt gründlicher, als es den Behörden lieb ist.

Was ebenso erstaunt: Im Callcenter arbeiten abgesehen vom Kader nur Frauen.

Im Callcenter, in dem die junge Frau arbeitete, auf deren Geschichte ich mich beziehe, waren ebenfalls nur Frauen angestellt, es gibt aber in Südkorea durchaus Zentralen, wo das Verhältnis ausgeglichener ist. Ich wollte die Idee der Frauendominanz in mein Drehbuch aufnehmen, um dem schwächsten Teil der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen: den Schülerinnen und Studentinnen. Aufgrund ihres Status und ihres Geschlechts werden sie von herzlosen Unternehmen unter schrecklichen Arbeitsbedingungen ausgebeutet. Junge männliche Studenten ereilt ein ähnliches Schicksal, aber auf einer anderen Ebene: Sie werden gerne eingestellt, um sich bei physisch harter Arbeit und zermürbenden Arbeitszeiten abzurackern. Das wollte ich über die Figur von Tae-jun sichtbar machen.

Die beiden Hauptfiguren Sohee und Yoo-jin werden als Frauen mit starker Persönlichkeit beschrieben, die auch höher Gestellten die Stirn bieten. Yoo-jin steht unter Dauerstress, Sohee wird von ihren Vorgesetzten schikaniert.

Es gibt einen Echo-Effekt zwischen Sohee und Yoo-jin. Beide wagen es, ihre Vorgesetzten zu schlagen: Sohee erteilt der Abteilungsleiterin eine Ohrfeige, Yoo-jin schlägt ihren Chef im Polizeibüro. Gewalt scheint aber nicht die Lösung zu sein, auch wenn sie kurzfristig wie ein Befreiungsschlag wirkt. Sohee erhält drei unbezahlte Arbeitstage aufgebrummt; Yoo-jin wird die Untersuchung entzogen. Am Ende bleibt eine tiefe Traurigkeit über die Ohnmacht gegenüber einem System, das zu fest verankert ist, um in Frage gestellt zu werden.

Der Trailer zum Film
portrait July Jung

July Jung:

Born in 1980, Yeosu, South Korea, Jung majored in the Department of Imaging at Sungkyunkwan University. After graduation, she naturally encountered in movies as she started to study academic characteristics of entire video media. She entered in Korea National University of Arts and majored in films…

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