Bomb├│n - el perro

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Ein Mann kommt auf den Hund, möchte man sagen, und gleichzeitig anfügen: Er entdeckt dabei das Leben neu und findet zu sich und einem Auskommen. Als die jüngste filmische Erzählung von Carlos Sorín ansetzt, ist der Mann arbeitslos und versucht auf geradezu rührende Art, Messer mit selber geschnitztem Knauf an die Leute zu bringen. Juan heisst er, und wir erfahren im Verlauf seiner Geschichte, dass er an der Tankstelle, an der er die vergangenen zwanzig Jahre gearbeitet hatte, entlassen wurde. Arbeit gibt es im neoliberal ausgebluteten und einst so reichen Argentinien heute viel zu wenig, aber deshalb muss man noch lange nicht den Bettel hinschmeissen und schon gar nicht einen traurigen Film gestalten.

Der Finne Aki Kaurismäki hat mit der ihm eigenen Lakonik schon oft genug bewiesen, dass auch hoffnungslose Geschichten ein gutes Ende nehmen können, etwas guter Wille, eine gesunde Portion Durchhaltevermögen und Humor vorausgesetzt. Der Argentinier Carlos Sorín ist mit dem Finnen aber nur bis zu einem gewissen Grad vergleichbar: Im lakonischen Humor, in der Liebe zu den gesellschaftlich ausgemusterten Figuren, in der umwerfenden Trockenheit, in der er seine Geschichten erzählt, und sicher auch im Umgang mit der Landschaft, in der sich seine Figuren bewegen. Bei Sorín ist es Patagonien, eine unendliche Weite, in der jeder Riese als kleiner Frosch erscheinen muss, der da am Wegrand vorwärts hopst.

Juan, unser ehemaliger Tankwart, ist 52 und arbeitslos. Unnötig beizufügen: Ein hoffnungsloser Fall. Auch seine Messer wird er nicht los, und wenn er mal eins verkaufen kann, so wird er mit dem Preis nicht einmal die Erstehungskosten des Materials decken. Aber Juan ist unterwegs, und das kann nie schaden, denn wer sich bewegt, begegnet auch anderen. Zum Beispiel einer jungen Frau, die von einer Panne blockiert hilflos am Strassenrand steht. Er kann ihr helfen und kommt nun eben auf den Hund. Ein rassenreines Prachtstück von argentinischer Dogge wird ihm überlassen. Man hat bei den Schenkenden eher das Gefühl, dass sie das geerbte Monstrum loswerden möchten, als dass sie Juan wirklich ein Geschenk machen wollen. Und bei ihm ist klar, dass der Hund ihn fürs Erste noch mehr einschüchtert, als es die Situation tut, in der er steckt.

Carlos Sorín ist ein Meister der einfachen Geschichten von einfachen Leuten. Wer seinen letzten Spielfilm "Historias mínimas" gesehen hat, konnte sich der Faszination nicht entziehen. Einer Faszination, die nicht von Stars ausgeht, sondern von einfachen Menschen, die als Laien in eine Rolle schlüpfen, die weitgehend ihre eigene ist. Sorín hat damals erzählt, wie auf dem Dreh nach seinem Ruf «Klappe!», was Ende einer Szene bedeutet, das Leben der Szene sich in der Wirklichkeit einfach und nahtlos fortsetzte. Nun ist dies allein natürlich noch keine Qualität, aber in seinem neuen Film "Bombón - el perro" sehen wir wieder, was uns als Betrachtende an all der Gewöhnlichkeit so ungemein fasziniert, packt und auf eine wohltuende Art amüsiert: Es ist die Schlichtheit der Darstellung, das Menschelnde, das in jeder einzelnen Figur steckt, die Liebenswürdigkeit zum Beispiel von Juan, das Schicksalsergebene, bei dem wir immer mal wieder eingreifen möchten, wo es doch auch ohne uns und ohne Eingriff von aussen seinen Verlauf nimmt, und erst noch einen wundersam guten. Wer jedenfalls wie der Schreibende selber am Anfang dem Juan wünschte, er möge doch das Ungetüm von Dogge rasch wieder loswerden, hat am Ende Angst, dass dem Tier etwas zustossen könnte, und er/sie hat mehr als dies, aber dies sicher begriffen: Das Leben ist voller Überraschungen, man muss sie nur wahrnehmen und sich offen auf sie einlassen. Dann mag man auf den Hund kommen, aber eben den Hund lieben. Und mit ihm das Leben, so einfach, wie es einem spielt, und ohne Wenn und Aber.

Walter Ruggle

Festivals & Auszeichnungen

San Sebastian International Film Festival 2004: FIPRESCI Prize
Festival des Trois continents, Nantes:
Montgolfière d'Argent und
Bester Schauspieler (Juan Villegas)

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Credits

Originaltitel
Bomb├│n - el perro
Titel
Bomb├│n - el perro
Regie
Carlos Sorin
Land
Argentinien
Jahr
2004
Drehbuch
Santiago Calori, Salvador Roselli, Carlos Sorin
Montage
Mohamed Rajid
Musik
Nicol├ís Sor├şn
Kamera
Hugo Colace, A.D.F.
Produktion
Oscar Kramer, Guacamole Films and OK Films in co-production with Wanda Vision and Chemo-Romikin
Formate
35mm, DVD, DCP
L├Ąnge
97 Min.
Sprache
Spanisch/d/f
Schauspieler:innen
Juan Villegas, Gregorio (Bombon), Walter Donado

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Pressestimmen

Sans s'appesantir ni dramatiser, Sorín recourt à un minimalisme extrême pour s'adresser surtout à notre cœur et nous faire ressentir les rêves et les désillusions de son antihéros bouleversant d'humanité.»
Journal du Jura

«Ein unspektakuläres Roadmovie voller stiller Situationskomik, wobei kleine Gesten mehr zählen als grossse Worte.»
Neue Zürcher Zeitung

«Dans Bombón - El Perro, le cinéaste argentin maîtrise mieux encore ces petits riens qui font les grands destins. Pas question de «réalisme fantastique» latino-américain chez lui, mais plutôt un bonheur communicatif à révéler les fantaisies du réel. En la matière, Bombón s'avère l'alternative parfaite pour tous ceux que Harry Potter éc┬ťure: au contraire de la superproduction, Sorin, lui, sait combien la qualité d'un film ne dépend pas de l'importance de ses moyens mais de leur utilisation. Pas du poids du magicien mais de l'usage de ses pouvoirs. Les images, joliment composées et équilibrées, éloignent la tentation misérabiliste: elles ne cessent de prendre des détours amusants. Si bien que, à tirer le meilleur de la moindre situation, Bombón s'avère criant de vérité. La comédie ne l'emporte jamais sur l'émotion. La caricature non plus. dans la foulée du fidèle Bombón, antithèse sympathique de tous les Rintintin, Beethoven, Croc-blanc ou même Droopy. Bombón est l'exception qui poétise la règle: loin de manifester une intelligence surnaturelle, le gros dogue argentin, cousin des féroces qui terrorisent et font débat sous nos latitudes, est cette fois un apôtre patibulaire de la non-violence, un Gandhi de l'espoir. Le chien, dernier sage de l'injustice économique? Il y a de quoi en rire. Avec ce merveilleux Bombón, on en pleure aussi.»
Le Temps

«A l'instar d'Historias mínimas, le film décrit avec une belle économie de  dialogue le cheminement intérieur d'un homme poussé à réfléchir malgré lui sur un sens à donner à sa vie. Dans la peau de Juan, l'amateur Juan Villegas (il est dans la vie gardien de parking) fait merveille. Chacun de ses regards ou gestes est d'une rare intensité. On a là la confirmation que Sorín est un grand cinéaste.»
La Liberté

«Der Regisseur inszeniert diese Geschichte wunderbar ruhig, sozusagen mit dem langen Atem der Normalität, die ja manchmal voll ist von Skurrilitäten. Er führt seine Protagonisten, Laiendarsteller allesamt, in eine Hündelerwelt, die einen Zug ins absonderlich Optimistische hat mitten in einer ökonomischen Realität, die den Figuren unter der Hand verödet. Es herrscht in Wort und Bild eine seltene Ungeschwätzigkeit und ein meisterlicher Sinn für die Authentizität von Gesten und Blicken. Da ist kein Hauch von Sentimentalität. aber viel Anlass, berührt zu sein von tragikomischen Lebensmomenten.»
Tages-Anzeiger

«Für den Regisseur ist der Hund ein Symbol für etwas Anderes, nämlich für Cocos ungeahnte Möglichkeiten. Bombón stelle so etwas wie sein Bewussts ein dar, eine Art beobachtendes Auge Gottes, sagt er. … Trotz der Nähe zum Dokumentarfilm und obschon die Grenzen zwischen Realität und Fiktion fliessend sind, bleibt Bombón – el perro ein Spielfilm mit einer erfundenen Geschichte. Mit dieser Verschmelzung von Dokumentar- und Spielfilm schafft Sorín intime Nähe zu den Figuren und ein Gefühl von Echtheit, das den Film mit grosser menschlicher Wärme durchzieht.»
Der Bund

«Carlos Sorin, der bereits mit "Historias minimas" auf sich aufmerksam machte, zeigt einmal mehr, wie wenig es braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen. Sein mit Laien inszeniertes Roadmovie ist sowohl Milieustudie als auch subtile Tragikomödie und fasziniert als behutsame Annäherung an Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen.»
Züritipp

«Bombon - el perro zeigt das Porträt einer merkwürdigen Feind- und Freundschaft zwischen zwei Lebewesen, das jedes auf seine Art ausgebeutet wird. Durch die Weiten Patagoniens führt der Lauf des Films - die LaiendarstellerInnen sind umwerfend und berührend.»
WochenZeitung

«Wie schon in dem wunderbaren «Historias mínimas» entwickelt Sorín ein Flair für das, was in Patagonien unweigerlich komisch und trist zugleich ist: der «struggle for life».»
NZZ am Sonntag

«Schon in seinem Vorgängerfilm "Historias minimas" erzählte Carlos Sorin einfache Geschichten über einfache Menschen. Dasselbe Vorgehensprinzip macht auch "Bombon - el perro" zur sympathisch gespielten, geruhsamen Verliererballade.»
20 Minuten

«Carlos Sorín beweist nach Historias mínimas erneut, dass er ein Meister des filmischen Minimlismus ist. … Sorín vergibt seine Rollen fast ausschliesslich an Laiendarsteller, nicht aus finanziellen, sondern aus künstlerischen Gründen. Er ist fasziniert von Darstellern, die nicht schauspielern, sondern schlicht sie selber sind. Wer Bombón – el perro gesehen hat, wird diese Faszination teilen. Schüchternheit, Bescheidenheit und Wärme sind dem Darsteller Cocos ins Gesicht geschrieben, und es gibt wohl keinen professionellen Schauspieler, der seine Gestik und Mimik glaubwürdig imitieren könnte.»
Basler Zeitung

«Eine wunderbare Geschichte mit einem Humor so trocken, wie die Landschaft Patagoniens ... eine charmante Erzählung von einem Mann, seinem Hund und seinen Träumen.»
The Observer

«Sorín, der bereits vor zwei Jahren mit seinen Historias minimas entzückt hatte, verlässt sich in seinem neuen Film noch mehr als in jenem ganz auf die Wirkung von Schauplätzen, Gesten und Zeichen, begnügt sich ohne viele Worte und dramaturgische Finessen mit einer Minimalgeschichte, die zwar geradlinig erzählt ist, in der aber auch die Improvisation nicht zu knapp zum Zuge kommt. Wieder filmte er in den unendlichen Weiten Patagoniens mit deren einzigartigem Licht, dem blauen Himmel mit den weissen Wolken, und wieder arbeitet er in beinahe dokumentarischer Weise ausschliesslich mit Laien.»
St. Galler Tagblatt

«Bombón, dieser bezaubernde Film von Carlos Sorín, erzählt eine Geschichte, in der sich mit bemerkenswerter Natürlichkeit Emotionen und Gefühle offenbaren ... Sollte es eine biblische Verheissung für Menschen reinen Herzens geben, dann würden sicherlich Carlos Soríns Figuren unsere Welt beerben.»
Clarin, Buenos-Aires

«Eine Erzählung voller Emotionen und von einer ungeheuren ästhetischen Qualität.»
La Nación, Buenos-Aires

«Der Film baut auf Frische und Echtheit, um sein Publikum zu berühren und etwas von dem ahnen zu lassen, was man Wahrheit nennen würde und was man aus dem italienischen Neorealismus kennt.»
La Butaca, Buenos Aires