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«Dieser Film ist das Schwierigste, was ich je gemacht habe»
Die Regisseurin Annemarie Jacir mit einem Statement zu ihrem Film «Palestine 36».
«Der Dichter Ne’ma Hasan aus Gaza sagte einmal: Wenn die Strassen blockiert sind, zeichne eine neue Karte. Das ist zu unserer Lebensweise geworden, die wir von unseren Eltern und Grosseltern gelernt haben. Sie prägt alles, was wir tun: zur Arbeit gehen, zum Arzttermin, die Familie besuchen, einen Film drehen . . .
Es war schon lange mein Traum, die Geschichte des Aufstands von 1936–39 zu erzählen, und es lag nahe, dies aus der Perspektive von mehreren Figuren zu tun. Der Aufstand von 1936 markiert einen Schlüsselmoment in unserer Geschichte, und ich wollte diesen auf eine unverfälschte und persönliche Weise schildern. Die Erzählung folgt verschiedenen Figuren, deren Lebenswege ineinander verwoben sind. Sie sind alle auf eine Weise miteinander verbunden, ihre Leben kreuzen sich, manchmal nur ganz am Rande. Jede der Figuren wird mit diesem entscheidenden Moment konfrontiert, der sie verändert.
Palestine 36 ist ein Historienfilm, aber ich habe ihn nie als etwas aus der Vergangenheit betrachtet. Er war immer aktuell, relevant und lebendig. Der Film spielt in einer Zeit, die ich nie erlebt habe, und ist dennoch sehr persönlich für mich. Wir können unsere Lebensumstände nicht aussuchen, den Krieg oder die Millionen schmerzhafter Momente, die wir zu überstehen lernen. Aber manchmal können wir wählen, wie wir darauf reagieren.
Die Idee zu diesem Film kam mir in Bildern. Zunächst ganz einfach: ein handgenähter Spitzenvorhang, ein verbranntes schwarzes Feld, ein Hafenarbeiter, der auf die Wellen starrt, ein altes Radio, das unerwünschte Nachrichten bringt. Ein Land bricht schliesslich in offene Rebellion aus. Aus Bildern wurden Geschichten. Meine Arbeit ist tief in der Welt verwurzelt, in der ich lebe.
Für Palestine 36 konzentrierte ich mich zuerst auf die Recherche. Ich las jedes Buch, jedes Dokument, jeden Bericht, den ich in die Finger bekommen konnte. Ich sammelte Bilder, Fotos, Filmrollen und unzählige Eindrücke. Ich konnte nicht aufhören, an das Massaker im Dorf Al Bassa zu denken, nur 25 Kilometer von meinem heutigen Zuhause entfernt. Mein Zuhause in diesem Land, das uns etwas gibt und etwas nimmt. Eine Landschaft, die fortbesteht und überlebt und Platz für alle hat, die sie lieben. Natürlich musste das Land zu einer Hauptfigur des Films werden. Einen Film zu drehen, der auf dem Höhepunkt der Revolution spielt, bedeutet ein Gefühl einzufangen, so ähnlich wie es auch die Poesie tut. Das Gefühl, dass in diesem bestimmten Momentum, in diesem kleinen Zeitfenster, alles möglich erscheint. Voller Angst und voller Hoffnung und Ehrgeiz. Das entscheidende Momentum in unserer Geschichte. Ein Kreis war das stärkste Bild; Palestine 36 war immer eine zyklische Geschichte.
Palestine 36 ist eine Hommage an einen trotzigen Aufstand gegen eine übermächtige militärische Opposition: eine dramatische Darstellung seiner Niederlagen und seiner Widerstandskraft. Kolonialismus und Imperialismus, unser eigener Verrat – wir werden Zeugen des Zerfalls eines Landes. 1936 haben wir einen Teil von uns selbst verloren. Ich frage mich, haben wir verloren? Hat das Britische Empire gewonnen? All das wird hier verhandelt. Es ist die Geschichte eines Dorfes, einer Gemeinschaft von Menschen voller Träume und Wünsche. Gewöhnliche Menschen, die sich in einer aussergewöhnlichen Zeit wiederfinden. Es ist eine Hommage an die Beharrlichkeit des menschlichen Geistes, an den Wunsch eines Volkes nach Freiheit. Es ist unsere Geschichte.
Dieser Film ist das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Als der Völkermord begann, brach alles zusammen. Wir versuchten, einen Film über einen dunklen Moment in unserer Geschichte zu drehen, bevor wir wussten, dass wir selbst einen der dunkelsten Momente durchleben würden. Wir stürzten in neue Tiefen, es fühlte sich wie Wahnsinn an. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft die Produktion begonnen und wieder eingestellt wurde. Wir haben weitergemacht. Die Darsteller:innen und die Crew haben sich zusammengetan, um darauf zu bestehen, etwas zu schaffen, um all unseren Schmerz in einen Akt der Liebe zu verwandeln, um uns gegenseitig zu sagen, dass wir nicht ausgelöscht werden.»
Annemarie Jacir:
Annemarie Jacir wurde 1975 in Bethlehem geboren und lebte in Saudiarabien, bis sie 16 Jahre alt war. Ihre Ausbildungen absolvierte sie in den Vereinigten Staaten, seit 1994 arbeitet sie in der unabhängigen Filmproduktion. Jacir arbeitet sowohl im Spiel- als auch im Dokumentarfilmbereich, war Jurymi…
Palestine 36
Artikel veröffentlicht: 14. Mai 2026
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