Marat, tueur à gages

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Neureich im neuen Reich

Nur kurz dreht sich Marat auf der Fahrt vom Hospital nach Hause zum Rücksitz um, um dort einen Blick auf sein neugeborenes Kind im Schoss seiner Mutter zu werfen. Der kurze Augenblick von Unaufmerksamkeit verändert sein Leben für immer. Marat ist Chauffeur von Professor Karakulowitch Kassymow, dem Forschungsleiter am Institut für Mathematik in Almaty, der Hauptstadt von Kasachstan. Beim an sich harmlosen Aufprallunfall, den er aus Unachtsamkeit verursacht, beschädigt Marat den Mercedes eines Neureichen. Und das sollte verhängnisvolle Folgen haben.

Die Kosten der geringfügigen Reparatur übersteigen bereits seine finanziellen Möglichkeiten, und so sieht sich Marat gezwungen, das notwendige Geld von einem Mafia-Gangster auszuleihen. Entsprechend hoch sind die Zinsen. Kaum kehrt er zu seiner Dienststelle zurück, um wieder an die Arbeit zu gehen, erfährt er, dass sein Arbeitgeber sich das Leben genommen hat. Das Institutsgebäude, teilt man ihm mit, gehöre jetzt einer Bank, und er solle das Auto zurückgeben und sich einen anderen Job suchen. Marat scheint nichts anderes übrig zu bleiben, als einen teuflischen Pakt mit der Mafia einzugehen. Um seine Schulden zu tilgen, erklärt er sich bereit, einen unliebsamen Journalisten zu töten - jetzt ist er zu einem bezahlten Killer geworden.

Nach dem Tod des französischen Altmeisters Robert Bresson freut es trigon-film ganz besonders, mit dem Spielfilm "Killer" von Dareschan Omirbaew einen jungen kasachischen Regisseur vorstellen zu können, der die Kunst der schlichten Erzählform auf seine eigene Art ausgezeichnet beherrscht und dabei mitunter eben an Bresson erinnert. "Killer" ist eine Erzählung über den Zustand der kasachischen Gesellschaft, deren Beobachtung an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Seit der Loslösung der Republik aus dem Verbund der Sowjetunion bewegt sich das Land auf eine ungewisse Zukunft zu. Darezhan Omirbaew zeigt die Gewalt selber nicht, er inszeniert auch keine Action. Was wir sehen ist ihr Resultat, gespiegelt in Körpern und Gesichtern. Ein ausgesprochen stimmiges Werk.

Walter Ruggle

Festivals & Auszeichnungen

Prix fondation Gan, Cannes

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Credits

Originaltitel
Marat, tueur à gages
Titel
Marat, tueur à gages
Regie
Dareschan Omirbaew
Land
Kasachstan
Jahr
1999
Drehbuch
Dareschan Omirbaew, Limara Jeksembaewa
Montage
R. Beliakowa
Musik
Wolfgang Amadeus Mozart
Kamera
Boris Troshew
Ton
Andrei Vlaznew
Produktion
Artcam International
Formate
35mm, DVD
L├Ąnge
79 Min.
Sprache
Kasachisch/d/f
Schauspieler:innen
Talgat Assetow (Marat), Roksana Abouowa (Marats Frau)

Pro Material

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Pressestimmen

Italienischer Nachkriegsfilm
«Omirbaews dritter Langspielfilm heisst zwar «Killer», ein Mafiafilm ist es aber nicht. Eher steht der Film in der Tradition italienischer Nachkriegsfilme. Er erzählt eine einfache Geschichte über die Not eines kleinen Mannes, entwickelt aber gerade in der Reduktion aufs Notwendigste seine Kraft und Wirkung. (...) Die Tat zeigt Omirbaew nicht im Bild. Wir hören einen Schuss, wir sehen einen Schwarm Möwen vom gegenüberliegenden Ufer aufsteigen. Direkte Gewaltdarstellung ist Omirbaew genauso fremd wie jede plakative Darstellung des mafiösen Treibens in den Folgestaaten der Sowjetunion. Zurückhaltend und lakonisch erzählt er seine Geschichte, mit einem Hauptdarsteller, der ebenso wenig den direkten Ausdruck sucht wie sein Regisseur, sondern die Not seiner Figur durch kleine Gesten und sparsame Mimik rüberzubringen versucht. Ein Film von fast schon radikaler Einfachheit und Frische.»
Tele

Wortkarge Figuren
«Nach dem kirgisischen «Beshkempir», der weiterhin in den Kinos ist, bringt trigon-film einen zweiten Film aus dem weiten zentralasiatischen Raum der ehemaligen Sowjetunion ins Kino und macht auf das «New Wave»-Kino junger Filmschaffen-der in Kasachstan aufmerksam. (...) Die Geschichte, eng als Handlung skizziert, und der Titel mögen reisserisch wirken. Omirbaews Bildsprache aber, ein langer langsamer Fluss stehender Einstellungen, schafft Klima, spiegelt Zustände wieder. Man hält den Atem an und holt – in Augenblicken zwischen den Bildern – tief Luft. Details sprechen, Alltag wird konkret. Mühelos bindet der Autor Träume, literarische Zitate und politische Stellung-nahmen in sein Erzählen ein. Zehn Jahre nach dem Aufbruch in die Demokratie haben Privatisierung und Marktwirtschaft einer neuen Kriminalität Vorschub geleistet, haben sich alte Strukturen aufgelöst oder wurden zerschlagen und haben ein Vakuum hinterlassen. Wortkargheit der Figuren, sprechende Schauplätze, langsame Filmzeit sind Charakteristika und eine Stärke nicht nur dieses neuen kasachischen Kinos. Filme aus Tadschikistan sind davon geprägt und auch Arbeiten aus Kirgisistan, wo sich die Spur eines eigenständigen filmischen Ausdrucks zu Sowjetzeiten allerdings nie ganz verloren hatte. Die kasachischen jungen Autoren, die Mitte der Achtzigerjahre unter Leitung ihres russischen Mentors, des Regisseurs Sergej Solowjow an der Moskauer Filmhochschule zusammenarbeiteten, begannen in einer Atmosphäre des Aufbruchs. So konnten sie ihre eigenen Themen suchen und erprobten eigene Wege, nicht ohne sich an der Filmgeschichte zu orientieren. Bresson, Jean Vigo, den Japaner Ozu nennt Dareschan Omirbaew als seine bevorzugten Regisseure.»
Verena Zimmermann, Solothurner Zeitung

«Dareschan Omirbaew hat in drei Spielfilmen sein leidenschaftliches Temperament gezeigt und ein Kino von einer unleugbaren Poesie.»
Cahiers du Cinéma