Peepli (live)

von Anusha Rizvi, Indien, 2010

Unsere Medien rennen immer hinter neuen Sensationen her und scheinen jede Krise zu lieben. In der indischen Komödie Peepli (live) führt uns eine ehemalige Journalistin vor Augen, wie gern die Medien das Geschehen auch beeinflussen, wenn sie am Ende ihre Schlagzeile wittern oder den vermeintlichen Skandal. Diese Geschichte spielt in einem friedlichen indischen Bauerndorf, in dem die Familien zuwenig zum Leben und zuviel zum Sterben haben. Der Bauer Natha kämpft ums Überleben von Frau, Mutter, Bruder und Kindern, als sich ein Ausweg aus der Misere abzeichnet: Die Regierung hat ein Programm eingerichtet, das Hinterbliebene entschädigt, wenn ein Bauer sich umbringt. Das könnte man ja auch offensiv nutzen, einer aus Nathas Familie könnte sich umbringen, damit die anderen etwas verdienen. Die Medien, die gerade den lokalen Wahlkampf begleiten, bekommen Wind von der Idee, und plötzlich wird der geplante Bauernselbstmord zum Thema Nummer eins. Man will den Bauern nicht retten, man will derjenige sein, der live dabei ist, wenn er es tut. Bollywood-Star Aamir Khan (Lagaan) hat Peepli (live) produziert, Anusha Rizvi hat den ebenso amüsanten wie nachdenklich stimmenden Erstling souverän gestaltet und man spürt, dass sie sehr genau weiss, wovon sie erzählt. Sie tut es mit Genuss.

***************

Medienhype im indischen Dorf
Die Selbstmordrate unter indischen Bauern ist alarmierend hoch: Man geht von 17`000 im Jahr aus. Die Regierung hat einen Fonds für Hinterbliebene geschaffen, der vom Suizid betroffenen Familien zur Überbrückung helfen soll. Soweit zwei Fakten, auf denen die ehemalige Journalistin Anusha Rizvi ihren Spielfilm aufbaut. Und die sie umkehrt, um einerseits eine Komödie zu gestalten und andererseits das Drama nicht aus den Augen zu verlieren und zu verraten. Eineinhalb Stunden Mediensatire sind angesagt, denn die ersten, die scharf sind auf tragische Geschichten anderer, sind all jene Medien, die davon leben, dass es anderen schlecht geht.

Rizvi macht zunächst aus der Regierungsak-tion ganz zynisch eine Verdienstmöglichkeit, indem einer der verarmten Bauern angespornt wird, sich umzubringen, weil die Familie so zu Geld kommen kann. Den entscheidenden Tipp gibt ausgerechnet der örtliche Grossgrundbesitzer. Vieles deutet darauf hin, dass er als der ältere Bruder aus dem Leben scheiden will, doch dann erklärt sich Natha zum Sterben bereit.

In Mukhya Pradesh sind just zu dieser Zeit Nachwahlen angesagt, und wie das bei Politikern heute so ist: Die politische Arbeit interessiert sie nicht, sie und ihre Partei wollen Ämter und Posten, sie investieren ihre ganze Energie in den Wahlkampf. Zufällig hört ein Reporter in unserem Dorf das Gespräch zwischen den betrunkenen Brüdern, und schon hat er seine prämienverdächtige Schlagzeile: «Ankündigung eines Todes in Peepli».

Einmal gesetzt, wird die kleinste Geschichte in den Medien breitgewalzt. In Horden ziehen sie im Dorf ein, stellen ihre Satellitenschüsseln auf und schaffen Realitäten, die es gar nicht gab. Die frühere Journalistin Anusha Rizvi weiss, wovon sie erzählt, und sie tut es genüsslich. Wie einst bei Billy Wilder in Ace In A Hole, wo Kirk Douglas einen armen Schlucker verenden liess, um seine Story zu haben, geht es den Medien im Dorf Peepli nicht darum, mit ihren Berichten etwas anderes zu erreichen als höhere Einschaltquoten, grössere Auflagen. So kann Peepli (live) als indischer Film mit einer global gültigen Geschichte aufwarten und bei der Wirklichkeit bleiben, in der er spielt. Ganz nebenbei zeigt er eines deutlich: Man muss sie gar nicht aufmotzen, muss nicht lügen, denn die Wirklichkeit selber ist stark genug.

Festivals & Auszeichnungen

Sundance Filmfestival

artwork

Credits

OriginaltitelPeepli (live)
TitelPeepli (live)
RegieAnusha Rizvi
LandIndien
Jahr2010
DrehbuchAnusha Rizvi
MontageHemanti Sarkar
MusikSubir Kumar Das
KameraShanker Raman
TonHarikumar Pillai
Kost├╝meMaxima Basu
AusstattungSuman Roy Mahapatra
ProduktionAamir Khan, Aamir Khan Productions
Formate35mm, DVD, Blu-ray
L├Ąnge107 Min.
SpracheHindi/d
Schauspieler:innenOmkar Das Manikpuri, Raghuvir Yadav, Shalini Vatsa, Farrukh Jaffar, Malaika Shenoy, Vishal Sharma, Nowaz, Sitaram Panchal, Naseeruddin Shah, Aamir Bashir

Credits

OriginaltitelPeepli (live)
TitelPeepli (live)
RegieAnusha Rizvi
LandIndien
Jahr2010
DrehbuchAnusha Rizvi
MontageHemanti Sarkar
MusikSubir Kumar Das
KameraShanker Raman
TonHarikumar Pillai
Kost├╝meMaxima Basu
AusstattungSuman Roy Mahapatra
ProduktionAamir Khan, Aamir Khan Productions
Formate35mm, DVD, Blu-ray
L├Ąnge107 Min.
SpracheHindi/d
Schauspieler:innenOmkar Das Manikpuri, Raghuvir Yadav, Shalini Vatsa, Farrukh Jaffar, Malaika Shenoy, Vishal Sharma, Nowaz, Sitaram Panchal, Naseeruddin Shah, Aamir Bashir

M├Âchten Sie diesen Film zeigen?

Bitte f├╝llen Sie unser Formular aus.

Vorf├╝hrdatum Vorf├╝hrung
Veranstalter/Veranstalterin

Pressestimmen

«Anusha Rizvi drehte mit ihrem Team in einem abgelegenen Dorf. Die meisten Rollen gab sie an Schauspieler aus ländlichen Theatergruppen. Sie verleihen den Figuren eine Wahrhaftigkeit, wie sie mit einer Studioproduktion wohl kaum erreicht worden wäre. Das gilt besonders für Omkar Das Manikpuri: Er spielt den überforderten, kaum je ein Wort sagenden Natha mit der traurig-komischen Zurückhaltung eines grossen Stummfilm-Komödianten.» Tagesspiegel, Berlin

«Um korrupte Politiker und sensationsgeile Journalisten ins Visier zu nehmen, verbindet sie vielmehr die bittere Tragik mit Satire und macht ihren Film zu einem Spiegel des gesellschaftlich gespaltenen Subkontinents. Sehenswert!» tip, Berlin

«Produziert von Bollywoodstar Aamir Khan (Lagaan) und bereits für den ­Auslandsoscar nominiert: Anusha Rizvis Debütfilm ist eine Sozialsatire über Bauernarmut in Indien und den medialen Umgang damit.» epd film

«Sie endet auf einem ungemein authentischen und starken Bild: Eine Baustelle in der Stadt wo besitzlose Männer vom Typ Nathas Luxuswohnungen bauen und mehr als Geister erscheinen denn als Männer. Es ist eines der Bilder, die so fern sind vom Feelgood, und wenn man die Qualität von Peepli Live charakterisieren müsste, dann wäre er der Anti-Slumdog.» The Guardian, London