Tokyo Sonata

von Kiyoshi Kurosawa, Japan, 2008

Die Sasakis sind eine ganz gewöhnliche Familie in Tokyo. Vater Ryuhei widmet sich mit Leib und Seele seiner Arbeit als Businessman. Seine Frau Megumi hat ihre Arbeit aufgegeben, um den Haushalt zu fĂŒhren und die beiden Kinder zu betreuen. Der Ă€ltere der Buben ist Takashi. Er besucht das College und macht der Mutter das Leben nicht einfach. Der jĂŒngere, Kenji, ist ein sensibler Junge und steckt noch in der Primarschule. Eines schönen Tages verliert der Vater seine Anstellung. Er erzĂ€hlt seinen Söhnen und der Frau nichts davon, packt weiterhin jeden Morgen seine Aktentasche und macht sich auf den Weg zu seiner nunmehr fiktiven Arbeit. AllmĂ€hlich tauchen aber BrĂŒche in der vermeintlichen NormalitĂ€t der Familie Sasaki auf, und wir werden Zeugen, wie jedes Mitglied der Familie zumindest vorĂŒbergehend durchdreht. Eine packend aktuelle Geschichte.
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Das Kribbeln beginnt innen
Alle reden und schreiben von der Finanzund Wirtschaftskrise. In Zahlen und Analysen ist so etwas unheimlich abstrakt, denn welcher halbwegs gesunde Geist kann sich unter einem Verlust von 40 Milliarden oder so etwas vorstellen? Interessanter und auch gruseliger wird es, wenn man in die Gesellschaft hinein blickt, die so etwas hervorbringen kann, zum Beispiel in die japanische. Sie ist besonders reizvoll, weil so vieles in Japan seine wohlgeordnete Struktur hat und nach strengen Vorgaben funktioniert. Das ist packend und beruhigend dort, wo es beispielsweise um technische AblĂ€ufe geht wie das Fahren in den ultraschnellen ZĂŒgen. Das ist nicht mehr so einfach, wenn wir in jene Bereiche vordringen, in denen es ganz einfach menschelt. Zum Beispiel: in einer gewöhnlichen Familie.
Kiyoshi Kurosawa ist ein Regisseur, der bei uns noch wenigen bekannt ist, dabei hat er schon eine lange Reihe von Filmen gestaltet. Normalerweise wurden diese dem Genre des Horrors zugeordnet, obwohl das korrekt nie war. Denn Kiyoshi Kurosawa, der mit dem grossen Meister Akira nicht verwandt ist, hat nie den oberflĂ€chlichen Schrecken gesucht in seinen Arbeiten; er hat eher die AbgrĂŒnde und Traumwelten des Menschen ausgelotet und dabei so hochmoderne Filme gestaltet wie Pulse oder Cure. Jetzt kehrt er in Tokyo Sonata auf alle FĂ€lle ganz in die RealitĂ€t zurĂŒck und inszeniert zunĂ€chst ein StĂŒck Kleinfamilien- und Arbeitsalltag in einergrossen Stadt wie Tokyo. Er zeichnet seine Figuren prĂ€zis, zeigt bei jedem Familienmitglied die kleinen Rissstellen, die zu grösseren BrĂŒchen fĂŒhren können und hĂ€ngt das alles auf an der Entlassung des Vaters und dessen Versuch, weiterhin so zu tun, als wĂ€re nichts geschehen. Das Gesicht wahren, nennt man das, den Ă€usseren Schein.
Zum Faszinierenden an diesem jĂŒngsten, in Cannes und Chicago je mit dem Jurypreis ausgezeichneten Film, gehört nun genau die Kunst Kurosawas, diese Bruchstellen, die sich bei uns allen finden, in seiner Filmfamilie zu orten und aufzubrechen. FĂŒr einen Moment lĂ€sst er die lĂ€ngst gespielte Harmonie ins Disharmonische kippen und alle auf eine kleine, abenteuerliche Reise schicken, um am Ende hoffnungsvoll eine neue Harmonie zu finden, vielleicht jetzt eine aufrichtige. Man könnte Tokyo Sonata als Thriller der GefĂŒhlswelten bezeichnen. Es ist ein Film, der unter die Haut geht, weil er so brennend aktuell ist in seinem Thema. Denn im Gegensatz zu den Zahlenmeldungen kennen wir alle das Familienleben und wissen auch um die ganz gewöhnlichen Ängste. Kiyoshi Kurosawa
setzt sie packend um – das ist die Chance, ihn nun zu entdecken.
Walter Ruggle

Festivals & Auszeichnungen

Prix du Jury, Un certain regard, Cannes Grand Jury Prize, Chicago Filmfestival Best Director, Mar del Plata Filmfestival

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Credits

Originaltitel
Tokyo Sonata
Titel
Tokyo Sonata
Regie
Kiyoshi Kurosawa
Land
Japan
Jahr
2008
Drehbuch
Sachiko TANAKA, Kiyoshi KUROSAWA
Montage
Koichi TAKAHASHI
Musik
Kazumasa Hashimoto
Kamera
Akiko ASHIZAWA
Ton
Masayuki Iwakura
Produktion
Django Film, Entertainment Farm
Formate
35mm, DVD, DCP
LĂ€nge
119 Min.
Sprache
Japanisch/d/f
Schauspieler:innen
Kai Inowaki (Kenji Sasaki), Teruyuki Kagawa (Ryuhei Sasaki), Kyoko Koizumi (Megumi Sasaki), Yu Kayanagi (Takashi Sasaki)

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Pressestimmen

«Kiyoshi Kurosawa treibt die Lakonie seiner Normfamilienballade auf die Spitze, bis sie verzweifelt komisch wirkt.» Martin Walder, NZZ am Sonntag

«Der Japaner Kiyoshi Kurosawa (nicht verwandt mit dem legendĂ€ren Akira) schildert den Zerfall einer Familie in schönen, stillen Bildern, die an Antonioni erinnern.» Tages-Anzeiger, ZĂŒrich

«Der Film weiss dadurch zu erschĂŒttern, dass er die Mechanismen der nicht funktionierenden Kommunikation so prĂ€zise und gruselig genau aufzuzeigen weiss. Eigentlich fehlt dieser Familie nicht viel, sie könnten eine Gemeinschaft sein, in der sich jeder wohl fĂŒhlt und jeder seinen Platz hat, wĂŒrde es ihnen gelingen, miteinander zu reden.» ARTE

«Ein Film, der die Bedeutung von Kiyoshi Kurosawa als einer der bedeutendsten zeitgenössischen japanischen Regisseure zeigt.» Kulturinfo «Kiyoshi

Kurosawa parvient Ă  rĂ©aliser un film envoĂ»tant, froid et paradoxalement Ă©mouvant avec un talent certain.» Daily Movies «Servi par sa lumiĂšre et un montage efficace, Tokyo Sonata est un arrĂȘt sur images, la photographie nette d’un Japon traumatisĂ© par l’éclatement de ses croyances et structures familiales. A 54 ans, Kiyoshi Kurosawa s’impose en cinĂ©aste majeur.» Le Courrier

«FidĂšle Ă  son goĂ»t de l’épure, Kiyoshi Kurosawa livre un film d’une grande beautĂ© formelle (chaque plan est minutieusement composĂ©) oĂč les gestes et les regards en disent plus que les dialogues. Un tout grand film!» La LibertĂ©

«Kiyoshi Kurosawa se confirme ici en grand cinéaste du décalage et de la contamination.» Le Temps

«Tokyo Sonata est son plus beau film. Celui oĂč il est le plus maĂźtre de son geste, celui oĂč il ose avec un naturel dĂ©concertant des variations insensĂ©es. C'est surtout son film le plus intime.» LibĂ©ration

«L'élégance de la mise en scÚne, une direction d'acteur qui ne néglige pas une forme d'humour à combustion lente, participe de la construction de cette réalité si subtilement spectrale.» Le Monde

«En s’appropriant un matĂ©riau plus rĂ©aliste qu’à l’accoutumĂ©e, Kiyoshi Kurosawa prĂ©serve toute sa puissance anxiogĂšne, toute son Ă©lĂ©gance formelle, ajoutant une autre couleur Ă  sa palette: une force Ă©motionnelle aussi nue que contagieuse. La marque des grands.» Les Inrockuptibles «Tokyo Sonata Ă©blouit parce que Kurosawa y atteint des sommets d'expressivitĂ© avec une subtilitĂ© et une grĂące qui n'ont pas d'Ă©quivalent dans son Ɠuvre.» Les Cahiers du CinĂ©ma

«Die Szenen in der Familie sind das eigentliche Highlight des Films. Die UnfĂ€higkeit Probleme nicht zur Sprache zu bringen wird sehr glaubhaft und bedrĂŒckend in Szene gesetzt.» Students, ZĂŒrich

«Tokyo Sonata von Kiyoshi Kurosawa gelingt in eindringlicheren Bildfolgen das PortrÀt des unaufhaltsamen Untergangs einer japanischen Kleinfamilie ab dem Moment, da der Familienvater ohne jede Vorwarnung seinen verantwortungsvollen Job verliert.» Schnitt

«An extremely impressive and intricate family drama from Japanese director Kiyoshi Kurosawa... The narrative crescendos about three-quarters of the way through as the various, now-estranged members of the family all hit a personal low. There’s a slightly uncomfortable tonal shift from the ironically subdued to the vaguely screwball, but thematically, the film remains remarkably sure-footed, offering a thought-provoking critique of stereotypes, gender roles and archaic tradition within Japanese society while delivering a chillingly prescient study of a family forced to reformulate its priorities at the hands of economic decline. The ‘uplifting’ ending, too, will really stick with you.» David Jenkins, Time Out London

«Eigentlich die Goldene Palme verdienend, wurde Tokyo Sonata mit dem Preis der Jury gekĂŒrt.»

«Film ist nicht dasselbe wie ErzÀhlung. Die Substanz von Film ist vielmehr die Differenz dazwischen.» Abe KashÎ