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Das tägliche Versteckspiel
Der erste in der Sprache der Rohingya und ausschliesslich mit Rohingya besetzte Spielfilm betrachtet das Drama ihrer Vertreibung aus den Augen der Kinder. Ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury in der Sektion Orizzonti am Filmfestival Venedig 2025.
Somira und Shafi spielen vergnüglich Verstecken, und nichts unterscheidet sie in diesem unbekümmerten Moment von den Kindern dieser Welt... würde da nicht im Hintergrund gepackt werden. «Was soll mitgenommen werden, was muss bleiben?», fragt der Grossvater ins Handy. Wenig später verlassen die Geschwister in Begleitung ihrer Tante mit drei Plastiksäcken unter dem Arm die Hütte. Draussen ist es stockdunkel. Am Grenzzaun des Kutupalong-Rohingya-Camps, dem ersten Ziel auf ihrer unsicheren Reise in eine hoffnungsvollere Zukunft, zwängen sie sich mit anderen Flüchtenden durch ein Loch in den Maschen.
Im aktuell grössten Flüchtlingslager der Welt, in der Grenzregion Cox’s Bazar am Golf von Bengalen, leben bis zu einer Million Rohingya, die in verschiedenen Flüchtlingswellen aus Myanmar geflohen sind. Das buddhistische Myanmar verwehrt der muslimischen Minderheit die Staatsbürgerschaft. Obwohl sie dort seit vielen Generationen ansässig sind, sind sie nicht als eine der 135 anerkannten Bevölkerungsgruppen registriert – ein Ausschluss, den das Militärregime 1982 mit dem Staatsbürgerschaftsgesetz endgültig besiegelte. Grund- und Privatbesitz sowie Dokumente wurden den hauptsächlich in der Provinz Rakhine lebenden Menschen entzogen und eine systematische Vertreibung nahm ihren Lauf. Der massivste Exodus setzte 2017 ein, ausgelöst durch eine brutale Militäroperation in Myanmar, welche die Vereinten Nationen als Form ethnischer Säuberung verurteilten. Laut UNHCR sind die Rohingya die weltweit grösste staatenlose Gemeinschaft. Der Internationale Strafgerichtshof und der Internationale Gerichtshof ermitteln gegen Myanmar wegen Völkermord an den Rohingya.
Der japanische Regisseur Akio Fujimoto dreht seit rund 12 Jahren Filme in Südostasien und insbesondere Myanmar. Die Rohingya sind im Land tabu, und so schwieg auch er lange, um seine Arbeitssituation nicht zu gefährden. Die stetigen Berichte über die Verfolgungen wurden jedoch zu einer zunehmenden Belastung, «zu einem persönlichen moralischen Versagen, mit dem ich mich auseinandersetzen musste», wie er festhält. Der wachsende Wunsch, von einem Volk zu erzählen, das nirgends sein darf, mündete nach Passage of Life (2017) und Along the Sea (2020) in seinen dritten Spielfilm Lost Land, in dem er einen dokumentarischen Gestus in der Fiktion weiterentwickelt. Die Odyssee, auf die er uns mitnimmt, steht nicht nur für das konkrete Beispiel einer Flucht, die auf wahren Berichten basiert, sondern als Metapher für die Situation eines Volkes, vieler Völker. Er erzählt sie in 28 Tagen, unterteilt in Kapitel, die jene Momente herausstreichen, welche jeweils eine neue Etappe einleiten.
Tag 1 – Die Fahrt übers Meer
An Tag eins sitzen die Protagonist:innen nun auf einem Laster, mit dem sie bald die Küste erreichen. Im Morgengrauen gilt es beim flackernden Licht von Taschenlampen auf einen Kutter umzusteigen, der sie über die Andamanensee nach Malaysia und zu ihrem Onkel bringen soll. Der Ton der Helfershelfer wird rauer. Die Flüchtenden werden einem Bodycheck unterzogen, müssen ihre Handys abgeben und: drei Plastiksäcke sind zu viel! Ein ganzer Monat liegt vor ihnen, bis sie mit etwas Glück im glitzernden Kuala Lumpur eintreffen werden, doch vorerst mutet die Reise wie ein Abstieg in den Hades an, den Akio Fujimoto mit gespenstischen Nachtbildern evoziert.
Rund zwei Wochen verbringen sie eng nebeneinander auf dem Schiff, wo Somira und Shafi ihre Spiele im Kleinen fortsetzen, sich im Schoss der Tante geborgen und in der gesamten Gemeinschaft unter den gegebenen Umständen immerhin aufgehoben fühlen, sich auch mal langweilen. Die Kamera nimmt den Blick eines Mitreisenden übers weite Meer auf und sanfte Streicherklänge betonen die Atmosphäre von Sehnsucht und Hoffnung: ankommen, einen Ort finden, wo man bleiben und in Frieden leben kann. Kein Bild ist falsch oder zu viel in diesem Film.
Tag 8 – Der grosse Sturm
Am achten Tag wird es richtig ungemütlich, als ein heftiger Sturm aufzieht, den die Rohingya jedoch ebenso stoisch über sich ergehen lassen wie die wiederholten Demütigungen der Schlepper, denn «verglichen mit der Vergangenheit ist das nichts», wie ein alter Mitreisender festhält.
Und dann ist endlich Land in Sicht.
Tag 21 – Im Süden Thailands
Doch es heisst nicht Malaysia, sondern Thailand, und nach einer Reihe tragischer Ereignisse sind Somira und Shafi ab Tag 21 auf sich allein gestellt, streifen durch den Dschungel, finden verlassene Bauten als Unterschlupf, verlieren sich immer wieder gedan- kenlos in ihren Lieblingsspielen. Diese Szenen erinnern an die verlassenen Kinder in einer Tokyoter Wohnung in Kore-edas Nobody Knows. Dort die verlorenen Kinder in einer Grossstadt, hier die ausgesetzten Kinder in der wilden Natur. Auch wenn die älteren Geschwister zu den jüngeren schauen und ihnen Sicherheit geben möchten, schleicht sich eine bange Leere ein. Kinder brauchen Stimulation, Schutz und Zuneigung. Somira bleibt erfinderisch und klaut in der Not Zuckerrohr in einer Plantage, wenn sie nichts erbetteln kann. Die überwältigende Natur ist ihnen gleichzeitig Schutz und Gefahr. Hoffnungsvoll hängen sie sich dennoch an jeden Erwachsenen, sobald sich ihnen die Gelegenheit bietet. Ein grosses Glück, treffen sie mit der Zeit auf eine andere Gruppe Geflüchteter, die ihre Sprache sprechen und sie mitnehmen.
Akio Fujimoto schwebte bei der Gestaltung des Films eine Art Bilderbuch vor: «Viele Rohingya-Familien haben sich ausserhalb von Myanmar niedergelassen, und ihre Kinder – die zweite und dritte Generation – kennen oft nicht die Details der Reise ihrer Eltern. Ich wollte einen Film schaffen, den erwachsene Rohingya ihren Kindern zeigen können. Das führte natürlich dazu, dass die Geschichte aus Kinderperspektive erzählt wird. Und diente gleichzeitig einem narrativen Zweck: Das Publikum weiss wahrscheinlich ebenso wenig über die Rohingya-Krise wie die kindlichen Protagonist:innen. Diese gemeinsame Perspektive ermöglicht es den Zuschauenden, die Reise emotional mitzuerleben, ohne dass sie über umfangreiches Hintergrundwissen verfügen müssen.»
Die schier unglaubliche Natürlichkeit und Echtheit der beiden Kinder trägt den Film. Akio Fujimoto arbeitet generell mit langen Einstellungen, die er später auf wenige Minuten kürzt, die es effektiv in den Film schaffen. Das hilft ihm nach eigenen Aussagen, die Grenze zwischen Fiktion und Realität zu verwischen. Zusammen mit seinem Kameramann schuf er eine Umgebung, in der sich die Kinder frei verhalten, auf die Kamera reagieren durften und sie mit der Zeit vergassen. Yoshio Kitagawas Handkamera bewegt sich unter und mit ihnen, als würde sie mit ihnen spielen. Sie wahrt die Integrität der Kinder, indem sie aus einer respektvollen Distanz beobachtet: ohne Voyeurismus, ohne das Elend zu inszenieren oder auf Mitleid aus zu sein. Ganz natürlich lässt sie Details einfliessen, die den Geschwistern kurzzeitig Freude schenken, und bleibt gerade in den schwierigsten Momenten zurückhaltend.
Tag 28
Am Tag 28 erkundet der kleine Shafi die Nachbarschaft seines neuen Zuhauses in der Grossstadt. Unter einem zeltähnlichen, grellgelben Badetuch scheint er weiterhin Verstecken zu spielen mit Schwester Somira. Wo mag sie sein? Ein Versteckspiel gleichzeitig mit den Zuschauenden, mit der Welt, in die er ohne festen Platz geboren wurde.
Akio Fujimoto:
Akio Fujimoto ist ein japanischer Filmemacher, der für sein sehr einfühlsames, sozial engagiertes Kino bekannt ist. Er wurde 1988 in Osaka geboren und studierte Film an der dortigen Akademie für Bildende Künste. Sein Debüt Passage of Life (2017), eine japanisch-myanmarische Koproduktion, fand inter…
Lost Land
Artikel veröffentlicht: 11. Mai 2026
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