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Interview

«Ich glaube, diese Geschichte hat globale Relevanz»

Der türkische Regisseur Emin Alper mit einem Kommentar zu seinem Film «Salvation».

Im Jahr 2009 überfielen in einem Dorf in der kurdischen Region der Türkei zwölf Mitglieder einer Familie eine Hochzeit und töteten 44 Menschen, darunter Kinder und Frauen. Dieses erschütternde Ereignis ist die Hauptinspiration für Salvation. Wie kann eine Gruppe von Menschen zusammenkommen, um eine andere Gruppe auszulöschen? Wie können sie sich gegen­seitig überzeugen und sich selbst dazu motivieren, eine so abscheuliche Tat zu begehen? Und wie können sie sie planen und ausführen? Auf der Suche nach Antworten auf diese beunruhigen­ den Fragen begann ich mich nicht nur mit diesem Massaker aus­ einanderzusetzen, sondern auch mit anderen Massentötungen und Genoziden der Geschichte. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die versucht, ein Massaker in einem kleinen Mikrokosmos nach­ zubilden, mit Bezügen zur modernen Geschichte des Kolonialis­mus und Nationalismus.

Filmstill «Salvation»

Alle mörderischen Anführer glauben, dass sie eine Mission haben, sei sie religiöser oder weltlicher Natur; und die meisten von ihnen glauben, dass sie ihr Volk retten. Sie rechtfertigen sich als die Aus­erwählten. Und in Wirklichkeit werden sie oft von ihrem eigenen Volk auserwählt. Die Menschen, die sich verzweifelt, bedroht und verletzlich fühlen und starke Anführer für drastische Lösungen brauchen, bringen sie an die Macht.

In unserem Film ist es Mesut, ein einsamer Mann, geplagt von Albträumen, angetrieben von Eifersucht und unsicher über seinen Status, der zum gesuchten Anführer der Hardliner wird. Sie ebnen ihm den Weg zur Macht. Das Einzige, was noch fehlt, sind übernatürliche Botschaften, die ihm übermittelt wer­den sollen.

Filmstill «Salvation»

Die Botschaften kommen durch Träume (wie bei den meisten mystischen religiösen Führern). Die Träume im Film sind also Mittel, durch die sowohl Mesut als auch die Dorfbewohner sich selbst (auf halbwache Weise) davon überzeugen, dass ein neuer Anführer mit einer neuen Mission kommt. Zum anderen spiegeln die Träume die Angst und Paranoia der Menschen wider. Die Albträume beginnen bei Mesut und breiten sich schnell auf die Menschen aus, was eine urtümliche Überlebensangst abbildet. Sie schaffen ein erschreckendes Ultimatum: Wenn sie nicht schnell handeln, werden sie versklavt oder vom «Feind» aus­gelöscht.

Filmstill «Salvation»

Jenseits der Erzählung bestimmen die Träume den stilistischen Ansatz des Films. Durch die Vermischung subjektiver und objek­tiver Standpunkte und eine Spirale paralleler Visionen lässt er das Publikum in die Welt der Antihelden eintauchen. Dieser charakteristische Stil soll uns helfen, den psychologischen «Wahn­sinn» zu verstehen, der ein solches Verbrechen möglich macht.

Filmstill «Salvation»

Ich glaube, diese Geschichte hat globale Relevanz. Wir leben in einer Zeit, in der ethnische Feindseligkeit, «überlebensorientier­te» Ansprüche auf Land und das Gefühl einer ständigen Bedro­hung durch einen «Feind» im Genozid in Palästina gipfelten. Während unser Film auf der Mikroebene operiert, ist Mesuts persönliche Mission im Wesentlichen dieselbe wie die religiöse Mission des Siedlerkolonialismus: Es ist eine «Erlösung», die die Auslöschung anderer erfordert.

Filmstill «Salvation»

Dies ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein globales Muster. Wir sehen es in den brutalen Unterdrückungen und staatlich gelenkten Tötungen im Iran, wo das «Bewahren der Mission» den Mord am eigenen Volk rechtfertigt. Wir sehen es im Westen, wo populistische Anführer Migrant:innen und Minderheiten zum Sündenbock machen, um ein Gefühl des nationalen Notstands zu erzeugen. Die Rhetorik ist stets dieselbe: Sie sagen ihrem Volk, dass «sie» vernichtet werden müssen, damit «wir» überleben können. Die Welt wird unter der Herrschaft dieser unberechen­baren, machtbesessenen Anführer, die nicht nur ihre eigenen Länder, sondern die gesamte Welt an den Rand der Katastrophe zu treiben drohen, zunehmend unsicherer.

portrait Emin Alper

Emin Alper:

1974 in Zentralanatolien geboren und aufgewachsen, studierte Emin Alper in Ankara Wirtschaft und Geschichte. Nach dem Doktorat in zeitgenössischer türkischer Geschichte lehrte er an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Technischen Universität Istanbul. Als Jugendlicher begann sich…

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