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Alles für die Fans
Der Durchbruch mit ihrer Girlgroup ist zum Greifen nah, als Pop-Idol Mai sich unverhofft verliebt. Der Arbeitsvertrag verbietet ihr in der «no love clause» strikt jegliche Liebesbeziehung. In einer Leistungsgesellschaft, in der alle ihre Rollen perfekt einhalten müssen, wird sie vor die Wahl gestellt: Erfolg oder Liebe. Verpackt in eine romantische Liebesgeschichte finden wir das moderne Abbild einer japanischen Gesellschaft, die mit einer toxischen Fankultur und einer kaputten Unterhaltungsindustrie kämpft.
Träume eines Popstars
Mai studiert tagein tagaus mit ihren vier Bandkolleginnen neue Choreografien ein. Ihr Tag ist geprägt von kontrollierter Routine mit Kostümproben und möchtegern-glamourösen Auftritten in kleinen Hallen. Ihre Band Happy Fanfare steht kurz vor dem grossen Durchbruch und hat auch schon eine beachtliche Fangemeinde. Die Tanzschritte sitzen, ebenso die einstudierten Interaktionen mit den vorwiegend männlichen Fans. Während sie auf der Bühne in freizügigen Kostümen vom Erfolg träumt, ist ihr gemeinsamer Wohnraum in Tokyo eng. Per Live-Videos werden die Fans über das Neueste auf dem Laufenden und bei Laune gehalten. Doch echtes Privatleben gibt’s fast keines.
Mai teilt ihre Wohnung mit der Jüngsten der Gruppe, Nanaka, sowie der Bandkollegin Risa. An einem freien Tag gehen sie in den Zoo und schauen die eingesperrten Affen an. Eine Parallele zu ihrem Leben sehen sie nicht. Ein Pantomime zieht Mais Blicke auf sich. Sie braucht ihre Stimme und viel Licht, um die Leute zu begeistern. Er nur kleine Gesten, um Mai in ihren Bann zu ziehen. Zurück im Proberaum verkünden die Produzenten die neue Aufstellung für den nächsten Song: Nanaka ersetzt Mai als Mittelpunkt, die Position für das beliebteste Mitglied. Mai ist gedanklich aber immer noch bei Kei, dem Pantomimen, den sie aus der Schulzeit kennt. Als private Fotos von Nanaka mit ihrem heimlichen Freund in einer Karaokebar auftauchen, steht ihr Platz in der Gruppe auf dem Spiel.
Nanakas Handlungen haben schliesslich Auswirkungen auf die gesamte Band und sogar das ganze Plattenlabel. Ihre einzige Rettung ist ein Entschuldigungsvideo, in dem sie gezwungenermassen ihre Reue deklariert und Besserung gelobt. Doch nicht alle Fans können ihr den Fehltritt verzeihen. Mai will nicht wie Nanaka enden und lässt ihrer Schwärmerei für Kei keinen Platz. Dies ändert sich jedoch drastisch nach einem Angriff während eines Fantreffens. Acht Monate später sehen wir Mai und Kei vor Gericht. Die Plattenfirma hat beide wegen Vertragsbruchs auf Entschädigung verklagt. Eine harte Probe für die noch junge Liebe.
Toxische Fankultur
Im Film wird eine düstere Seite von übertriebener und unerfüllter Fanliebe gezeigt. Während bestimmte Fanriten wie das fröhliche Schwingen von Leuchtstäben und Singen von einstudierten Fangesängen gemeinschaftsstiftend sind, gehören beleidigende Videokommentare und besitzergreifendes bis obsessives Verhalten ebenfalls dazu. Im hierzulande bekannteren K-Pop liegt der Fokus eher auf perfekter Synchronisation und Hochleistungsperformances. Die J-Pop-Vorgaben legen einen grösseren Wert auf eine «authentische» Beziehung zu den Fans. Die Idols (so werden die Stars genannt), praktizieren den perfekten Fanservice. An ihrer Hingabe für die Fans dürfen keine Zweifel aufkommen, sonst werden sie von der eigenen Fangemeinde abgestraft. Dazu gehört auch, dass sie die unschuldigen und «reinen» Frauen spielen müssen, die von den Männern angestarrt werden wollen. Nicht nur vordergründig von den Fans, sondern eben auch strukturell von der gesamten Firma, die sie aufbaut. Kein Zufall also, dass ihre Band den Namen Happy Fanfare trägt.
Bereits Satoshi Kon zeigte 1997 in seinem animierten Schlüsselwerk Perfect Blue die Abgründe, denen Idols ausgesetzt sind. Was beim aktuellen Netflix-Hit und Oscargewinner KPop Demon Hunters noch lustig daherkommt, wenn sie «for the fans» («für die Fans») schreien und Dämonen zerschlagen, die ihre Fans fressen wollen, hinterlässt in diesem Kontext einen bitteren Nachgeschmack. Wie weit darf Fanservice gehen und wie weit dürfen sich Plattenlabels in das Privatleben ihrer Talente einmischen? Mais Anwälte plädieren zurecht auf ihr grundlegendes Menschenrecht auf Liebe.
Erloschene Lichter und tiefe Gefühlswelten
Auffällig ist die sorgfältige Lichtgestaltung. Es ist entweder grell und kühl – etwa in den Proberäumen, bei den Auftritten mit den Leuchtstäben der Fans oder im Gerichtssaal. Im Gegensatz dazu ist oft kaum Licht vorhanden, was in den unzähligen warmen Nachtszenen zwischen Mai und Kei zu beobachten ist. Nachts werfen sie sich verstohlene Blicke zu, abseits der glitzernden Grossstadt Tokyo. Getrennt durch eine Strasse, unsicher, ob ihre Blicke nicht zu auffällig sind, ist Mais Schicksal noch unklar.
Regisseur Koji Fukada hat bereits 2016 für Harmonium den Jurypreis im Wettbewerb Un Certain Regard an den Filmfestspielen von Cannes gewonnen. Love on Trial feierte 2025 Premiere am gleichen Festival. Auch in seinem neuesten Werk verbindet er träumerisch-surreale bis magische Elemente mit hartem Realismus. Inspiriert wurde die Geschichte von einem wahren Fall, der sich 2015 ereignete. Fukada sah darin eine Chance, mittels der japanischen Idolkultur eine universelle Geschichte über Geschlechterrollen und Unterhaltungskultur zu erzählen.
Die Hauptrolle übernimmt Kyoko Saito, die selbst früher ein Idol war. Dabei war ihm weniger ihr schauspielerisches Talent wichtig, so der Regisseur, sondern mehr ihre Erfahrung mit der geforderten Bühnenpräsenz: den dafür antrainierten Gesichtszügen und markanten Gesten. Sie weiss schliesslich, wie die fröhlichen Liebeslieder im Film vorgeführt werden müssen, damit die Fans anbeissen. Kameramann Hidetoshi Shinomiya ist bekannt für seine Arbeit in Drive My Car von Ryusuke Hamaguchi. Er fängt die schwärmerischen Szenen zwischen Mai und Kei sowie die unbehaglichen Momente zwischen Happy Fanfare und ihren Fans mit einer stoischen Gelassenheit ein.
Die Strukturen, denen die Idols ausgesetzt sind, kommen aus dem patriarchalen System. Die fünf jungen Bandkolleginnen versuchen, jede auf ihre Weise, davon selbstbestimmt auszubrechen oder sich zu fügen. Mit der zunehmenden Popularität von J-Pop im globalen Westen bleibt spannend zu beobachten, wie sich die Situation für Idols künftig verändern dürfte. Fukada liefert mit Love on Trial eine vielschichtige Diskussionsgrundlage.
Koji Fukada:
Koji Fukada wurde 1980 in Tokyo geboren. Er studierte Literatur und besuchte gleichzeitig Filmkurse an der Film School of Tokyo. Nach seinem Debüt The Chair (2010) und weiteren Projekten gewann er mit Harmonium 2016 den Jurypreis in der Sektion Un Certain Regard in Cannes. 2018 wurde Fukada in Fran…
Love on Trial
Artikel veröffentlicht: 31. Mai 2026
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