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Filmbesprechung

Bis zu den Sternen

Die Lebenswege von Nino und Yasmina sind auf schicksalhafte Weise miteinander verwoben. Im chaotischen Beirut werden sie zu Kindheitsfreunden, verlieren sich aus den Augen und treffen als junge Erwachsene durch einen Zufall wieder aufeinander. Regisseur und Drehbuchautor Cyril Aris inszeniert eine mitreissende Liebesgeschichte, die sich über drei Jahrzehnte entfaltet und in der sich die jüngere Vergangenheit des Libanon spiegelt.

Nino liebt Yasmina. Und Yasmina liebt Nino. So eindeutig die Gefühle zwischen den beiden auch sein mögen, so vielschichtig gestaltet sich ihre Romanze. Schliesslich treffen in einer Bezie­hung nicht nur zwei Menschen, sondern auch ihre unterschied­lichen Lebensgeschichten, Wertvorstellungen und Zukunftsent­würfe aufeinander. Dass daraus ein gemeinsamer Weg entsteht, ist selbst bei inniger Liebe keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr gilt dies vor dem Hintergrund eines Landes, dessen Geschichte von politischen Umbrüchen und wirtschaftlichen Krisen gezeichnet ist.

Fügung des Schicksals

Yasmina und Nino werden am selben Tag im selben Krankenhaus in Beirut geboren – nur eine Minute auseinander. Die Umstände ihrer Geburt könnten kaum aussergewöhnlicher sein: Die Stadt steht unter Beschuss, während gleichzeitig als Symbol aufkei­mender Hoffnung mitten im libanesischen Bürgerkrieg eine Rakete ins All gestartet wird. Auch wenn der ersehnte Aufbruch ausbleibt, scheinen die Liebenden von Anfang an füreinander bestimmt zu sein. Das Universum greift denn auch mehr als ein­ mal ein, um sie zueinander zu führen.

Filmstill «A Sad and Beautiful World»

Im ersten Akt begegnen wir den beiden als junge Erwachsene. Nino ist ein unerschütterlicher Optimist, dessen Lebenshaltung aus dem frühen Verlust seiner Eltern hervorgegangen ist. Heute führt er ihr ehemaliges Restaurant unter dem Namen «Chez Nino» – ein italienisches Lokal mit libanesischer Note. Seine Küche, in warmes, einladendes Licht getaucht, wirkt zugleich chaotisch und voller Leben.

Yasmina hingegen ist eine pragmatische Realistin, deren Weltbild von der Trennung ihrer Eltern in der Kindheit geprägt wurde. Als vielbeschäftigte Regierungsberaterin entwirft sie in einem steri­ len Hochhaus die wirtschaftliche Zukunft des Landes. Im Sinne einer schicksalhaften Fügung werden die beiden erneut zusam­ mengeführt, nachdem Nino mit seinem Auto in ein Geschäft kracht, das Yasminas Mutter gehört. Ganz nach dem Motto: Gegensätze ziehen sich an.

Filmstill «A Sad and Beautiful World»

Seit Kindheitstagen

Als Yasmina wenig später in Ninos Restaurant zu Gast ist, erkennt sie ein Foto an der Wand. Rückblenden in die Kindheit der beiden offenbaren, dass sie einst Klassenkamerad:innen waren und sich inmitten familiärer Schicksalsschläge gegenseitig Halt gaben. Als der junge Nino erzählt, er glaube, seine verstorbe­nen Eltern lebten nun auf einer paradiesischen Insel, wird das Bild eines Strandes jenseits des glitzernden Ozeans zu einem wie­ derkehrenden Motiv ihrer Verbundenheit. Die leicht fantastische Vision steht dabei weniger für ein Jenseits als für die Sehnsucht nach einem sicheren Zufluchtsort auf Erden.

Zur entrückten Atmosphäre trägt Anthony Sahyouns elektroni­scher Soundtrack bei, der zugleich hell und hoffnungsvoll, aber auch nachdenklich und introspektiv klingt. Die beeindruckenden Leistungen der beiden Kinderdarsteller:innen schaffen eine glaubwürdige Grundlage für die lebenslange Anziehungskraft zwischen den Figuren. Die Rückblenden machen spürbar, wie eng Nino und Yasmina einst verbunden waren – und wie abrupt diese Verbindung endete.

Die Kraft der Anziehung

Bei ihrer erneuten Begegnung springt der Funke sofort wieder über. Nino ist voller Glück und steckt Yasmina mit seiner Begeis­terung an. Sie stellt gar ihre beruflichen Pläne zurück und vertagt ihren Wunsch, den von Krisen gebeutelten Libanon zu verlassen, um mehr Zeit mit ihrem Jugendfreund zu verbringen. Passagen, in denen eine niedrigere Bildrate die Aufnahmen leicht ruckelig erscheinen lässt, machen die emotionale Aufgewühltheit spürbar, die die beiden nach Jahren der Trennung erfasst.

Zwar scheint das Schicksal die beiden erneut zusammengeführt zu haben, doch schon bald wird deutlich, wie unterschiedlich sie eigentlich sind. Nino möchte Yasmina verzaubern und ihr die Welt zu Füssen legen, während sie fest mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Bereits sechs Monate nach ihrer Wiedervereinigung macht er ihr einen Heiratsantrag und träumt von einem gemein­samen Familienleben. Yasmina hingegen hat aus schmerzhaften Erfahrungen gelernt, dass Beziehungen und Familien nicht immer Bestand haben. Warum sollte man ein Kind in eine Welt setzen, die von Konflikten und dem Klimawandel bestimmt ist?

Filmstill «A Sad and Beautiful World»

Zwischen Hoffnung und Realität

Cyril Aris und Co-­Autorin Bane Fakih arbeiten sorgfältig die Unterschiede zwischen den Figuren heraus, die ihre Beziehung letztlich auseinanderzutreiben drohen. Beide sind geprägt von ihren familiären Erfahrungen und den Wunden ihrer Vergangen­heit. Während Nino daran glaubt, dass sich überkommene Verhal­tensmuster durchbrechen lassen und die Zukunft aktiv gestaltet werden kann, blickt Yasmina deutlich skeptischer auf das Leben. Als ihre scheinbar perfekte Beziehung erste Risse bekommt, wird deutlich, dass Cyril Aris die Liebesgeschichte zugleich als Spiegel der jüngeren Geschichte des Libanon versteht.

Im Libanon sind Geschichte und Politik niemals nur ‹Hintergrund›. Sie greifen in den Alltag, in zwischenmenschliche Beziehungen und in die intimsten Entscheidungen ein.

Regisseur Cyril Aris

Die Phase unbeschwerter Nächte und sorgloser Lebensfreude erinnert an eine Zeit, in der die Zukunft des krisengeschüttelten Landes noch von Optimismus geprägt schien. Doch die Leichtig­keit weicht zunehmend ernsteren Tönen. Die harte Realität drängt immer stärker in den Alltag der Figuren, und es wird offen­ sichtlich, dass ihre Beziehung nicht losgelöst von den gesellschaft­lichen und politischen Entwicklungen betrachtet werden kann. Das entfernte Knattern von Schüssen und eingestreute Archiv­ bilder verweisen auf die Narben des Bürgerkriegs und den wirt­ schaftlichen Zusammenbruch des Landes, der auch die Zukunft des «Chez Nino» infrage stellt.

Filmstill «A Sad and Beautiful World»

Liebe im Ausnahmezustand

Die libanesische Wirtschaftskrise ab 2019 bildet den Hintergrund der zweiten Hälfte des Films. In dieser Zeit brach das über Jahre instabile Finanzsystem faktisch zusammen: Banken beschränk­ten den Zugriff auf Ersparnisse und die Währung verlor massiv an Wert. Inflation, Arbeitslosigkeit und Armut stiegen rasant an. Die Weltbank zählt die Krise zu den schwersten Wirtschaftskrisen weltweit seit dem 19. Jahrhundert. Für die Bevölkerung bedeutet dies einen Alltag im Ausnahmezustand – geprägt von Unsicher­heit, schwindenden Perspektiven und einer rapide sinkenden Kaufkraft.

Angesichts des Zusammenbruchs der libanesischen Wirtschaft und der Auswanderung vieler Freunde sehen sich die nun gereif­teren Nino und Yasmina mit der Zerbrechlichkeit ihrer Beziehung konfrontiert. Sie stehen an einem Scheideweg zwischen ihrer Verbundenheit mit dem, was sie in ihrer Heimat aufgebaut haben, und der Aussicht auf eine Zukunft anderswo.

Filmstill «A Sad and Beautiful World»

Über die Grenzen hinaus

Dem Film gelingt es, die Liebesgeschichte überzeugend in den spezifisch geopolitischen Kontext einzubetten. Die spürbare Che­mie und Spielfreude zwischen den beiden Hauptdarsteller:innen Mounia Akl und Hasan Akil lassen kaum Zweifel daran, dass Yasmina und Nino füreinander bestimmt sind. Zärtliche Blicke und entwaffnend humorvolle Momente verstärken die roman­tische Spannung. Die tonale Bandbreite des Films eröffnet den Schauspieler:innen zugleich die Möglichkeit, ihr gesamtes Kön­nen zu entfalten. So wirkt die Beziehung der beiden glaubwürdig und nie konstruiert. Die Erzählstruktur sorgt zudem dafür, dass beide Figuren stets gleichermassen im Zentrum stehen.

Diese emotionale Wucht überzeugte auch international: Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann der Film den Publikums­ preis und wurde anschliessend als offizieller Oscar­Beitrag des Libanon ausgewählt. Aris fängt die Schwingungen seines Landes zwischen Melancholie und Lebenslust kraftvoll ein. So sehr Nino auch versucht, die Liebe zwischen ihm und Yasmina von den Pro­blemen des Libanon zu entkoppeln – die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen dringen unweigerlich in ihr Privatleben ein und zeigen, dass selbst die persönlichsten Entscheidungen mit grösseren politischen Kräften verflochten sind. Die massgebliche Frage lautet daher, ob sie zulassen, dass diese erdrücken­ den Umstände sie auseinanderbringen – oder ob ihre Liebe über Beirut hinausreicht. Vielleicht sogar bis zu den Sternen.

portrait Cyril Aris

Cyril Aris:

Cyril Aris (*1987) ist ein libanesischer Drehbuchautor und Regisseur, der ursprünglich als Unternehmensberater arbeitete, bevor er sich dem Film zuwandte. Seine Karriere begann mit der Miniserie Beirut, I Love You (2011–2012). Internationale Aufmerksamkeit erhielt er mit seinem Kurzfilm The Preside…

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