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Der UnterdrĂĽckung ins Gesicht lachen
Ali Asgari inszeniert eine kluge Komödie über die «Conditio humana» im Iran und blickt auf jene Welt, die er am besten kennt: die des Kinos.
Asgari gelingt ein ebenso schelmischer wie unerbittlicher Film, durchzogen von genussvollen Selbstspiegelungen und filmischen Zitaten – von Nanni Moretti über Woody Allen und Jean-Luc Godard bis hin zu The Matrix. Hinter der Leichtigkeit der Inszenierung tritt zunehmend die Realität der Zensur hervor, der Filmschaffende und Intellektuelle im Iran ausgesetzt sind. Der Verweis auf Dante Alighieri ist dabei mehr als ein literarisches Spiel: Er öffnet den Blick auf ein System, das sich als ebenso absurd wie grausam erweist.
Divine Comedy knüpft formal und thematisch an Terrestrial Verses (2023) an, den Asgari gemeinsam mit Alireza Khatami realisierte und in Cannes in der Sektion Un Certain Regard präsentieren konnte. Der Film schildert in neun Episoden neun beispielhafte Fesseln, die das iranische Volk einschränken. Bereits dort wurden in statischen Einstellungen Begegnungen zwischen Bürger:innen und unsichtbaren Autoritäten inszeniert – eine Struktur, die die beiden in Divine Comedy als Co-Drehbuchautoren weiterentwickeln: Die Vertreter des Systems bleiben meist ausserhalb des Bildrahmens; ihre Macht manifestiert sich gerade durch ihre Unsichtbarkeit. Die poetische Bildsprache und der trockene Humor erinnern wiederum an das Kino von Elia Suleiman (Chronique d’une disparition, Intervention Divine). 2025 für die Mostra di Venezia selektioniert, vertieft Divine Comedy den Blick auf die Widersprüche eines repressiven Systems und legt den Fokus auf die Welt des Kinos – mit dem Ziel, den Mechanismus freizulegen, der jegliches künstlerische und kritische Schaffen zu begrenzen versucht.
Im Zentrum steht Bahram, gespielt vom Filmemacher Bahram Ark, der eine fiktive Version seiner selbst verkörpert. Hartnäckig arbeitet der zirka Vierzigjährige an einer Karriere, die im eigenen Land kaum sichtbar werden kann – nicht zuletzt, weil er seine Filme konsequent auf Aserbaidschanisch dreht (im Iran als Torki – Türkisch – bezeichnet). Dass diese Werke im Iran nicht gezeigt werden dürfen, ist Teil jener absurden Logik, die der Film seziert.
Inoffizielles Kino
Als auch sein neues Projekt verboten wird, beschliessen Bahram und seine Produzentin Sadaf (gespielt von der Schauspielerin Sadaf Asgari, die ebenfalls in ihrer eigenen Rolle auftritt), sich über das Verbot hinwegzusetzen. Einen Tag lang folgen wir ihren Bemühungen, eine Vorführung ohne staatliche Erlaubnis zu organisieren. Die Reise führt sie durch ein groteskes Panorama: zu einem zynischen Kinobetreiber, einem selbsternannten Propheten, einem drogenversessenen Schauspieler und einer wohlhabenden Tierschützerin. Jede Begegnung legt eine weitere Facette der allgegenwärtigen Kontrolle frei. Zensur und Diktate des islamischen Regimes werden zum eigentlichen Motor des Lachens.
Nach Terrestrial Verses (2023), Until Tomorrow (2022) und DisÂappearance (2017) ist Divine Comedy Ali Asgaris vierter Spielfilm. Während seine Schauspieler eine fiktive Version ihrer selbst spielen, gehört auch der Filmemacher zu jener Generation iranischer KĂĽnstler:innen, deren Schaffen durch die Diktatur stark eingeschränkt wird. Wie Jafar Panahi oder Mohammad Rasoulof ist er immer wieder Ziel von Versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Genauso wie das iranische Volk – und insbesondere die Frauen, die hinter der Bewegung «Frau, Leben, Freiheit» stehen, die Mohammad Rasoulof in The Seed of the Sacred Fig so packend inszeniert, weigert er sich zu schweigen.
Nach der Vorführung von Terrestrial Verses in Cannes wurde Ali Asgari im Iran für acht Monate mit einem Dreh- und Reiseverbot belegt, man beschlagnahmte für eine gewisse Zeit einen Teil seines Eigentums. Auch seiner Nichte Sadaf Asgari wurde das Drehen verboten. Ihre Präsenz in Divine Comedy unterstreicht die rebellische Dimension des Films. Und man denkt unweigerlich an Jafar Panahi, der erneut zu einem Jahr Haft verurteilt wurde, sowie Mohammad Rasoulof, der sich gezwungen sah, sein Land heimlich zu verlassen, oder eben Alireza Khatami, der im Exil lebt.
Dante Alighieri
Was für eine Hölle! Da liegt der explizite Verweis auf «Die Göttliche Komödie» von Dante Alighieri nahe. Die zu Beginn des 14. Jahrhunderts verfasste epische Dichtung beschreibt Dantes allegorische Reise durch die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies. Im Laufe der Expedition, die zunächst von Vergil und später von Beatrice geleitet wird, behandelt das Werk universelle Themen wie Gerechtigkeit, Erlösung, Glauben und Heilsstreben, während es gleichzeitig scharfe Kritik an der mittelalterlichen Gesellschaft übt. Das Buch wurde in der toskanischen Regionalsprache statt in Latein verfasst und hat Literaturgeschichte geschrieben, indem es zur Etablierung der italienischen Sprache beitrug und Jahrhunderte lang Kunst und Philosophie inspirierte. Im Film überträgt Ali Asgari die Erzählung auf die Realität im Iran und seine Filmemacher-Protagonisten. Die Hölle ist hier jene der Künstler:innen, die an ihrer Arbeit gehindert, ihrer Sichtbarkeit beraubt und mit Gefängnis oder Tod bedroht werden.
Mise en Abyme
Das Drehbuch, an dem nebst Alireza Khatami auch Bahram Ark mitwirkte, schafft einen Rahmen, in dem absurder Humor, politische Kritik und Reflexion über das Kino herrlich ineinandergreifen. Während in Terrestrial Verses eine Episode von einem Regisseur handelt, der eine Drehgenehmigung beantragt, ist hier die öffentliche Vorführung eines neuen Films Gegenstand des Antrags beim Kulturministerium.
Besonders höllisch ist diese Anfangsszene: Der zuständige Beamte – wie so oft unsichtbar – lehnt den Film mit absurden Begründungen ab. Ein Hund komme darin vor, der als unrein gelte; zudem sei er in der falschen Sprache gedreht worden, in Aserbaidschanisch statt im offiziellen Farsi. Martin Scorsese habe schliesslich Die letzte Versuchung Christi auch auf Englisch gedreht und niemand habe sich darüber beschwert, behauptet der Zensor weiter. Zu allem Überfluss habe Bahram in der Vergangenheit als Schauspieler in «unmoralischen» Filmen mitgespielt, wie zum Beispiel in . . . Terrestrial Verses. Der Kreis schliesst sich und die Verschachtelungen überlagern sich ebenso schwindelerregend, wie sich die Spirale der Zensur dreht.
Wahrheit verschwindet nicht, selbst wenn sie zum Schweigen gebracht wird – sie lebt weiter in den Zwischenräumen der Bilder, in den Pausen und im plötzlichen Lachen.
Ali Asgari
Die Argumentation kippt ins Groteske und macht sichtbar, wie sich religiöse Dogmen und bürokratische Willkür überlagern. Dass die Dialoge auf realen Erfahrungen Asgaris beruhen, verleiht ihnen zusätzliche Schärfe. Nach seiner Rückkehr aus Cannes, nachdem er Terrestrial Verses ausser im Iran überall gezeigt hatte, realisierte er zunächst den autobiografischen Essay Higher than Acidic Clouds, eine ergreifende Reflexion darüber, was die Mullahs ihm niemals nehmen können: die Filmbilder, die er in seiner Erinnerung bewahrt.
Mit dem Roller durch Teheran
Eindrücklich auch die neuen Bilder, die er in Divine Comedy kreiert. Bahram und Sadaf lassen sich von der Ablehnung des Ministeriums nicht entmutigen und klappern Teheran auf ihrer pinken Vespa nach einem alternativen Kinosaal ab – sie am Lenker, er auf dem Rücksitz. Ali Asgari folgt Dantes Erzählstruktur vom kontinuierlichen Abstieg in die Hölle bis ins hypothetische Paradies lose. Bahram bewegt sich durch eine Art zeitgenössische Hölle, in der jede Station eine neue Form von Einschränkung offenbart. Die Szene in einem Restaurant namens «Café Dante» – rotes Interieur und flammende Cocktails – markiert den zweiten Höllenkreis: Ein Revolutionswächter will Bahram dazu drängen, sich dem weniger verfänglichen kommerziellen Kino zuzuwenden. Sadaf wird dabei zur modernen Vergil-Figur, die ihn durch eine Art soziopolitisches Fegefeuer begleitet, in dem jeder in seinen Zwängen gefangenbleibt: Zensur, Kompromisse, Bürokratie, Unterdrückung. Asgari vermischt Komik und Tragik, um das erdrückende Korsett des Lebens im Iran spürbar zu machen. Zitate aus der Filmwelt (die Erinnerung an Bilder) gibt es zuhauf – The Matrix, Darren Aronofsky, Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard und viele mehr – nicht als blosse Anspielungen, sondern um das zentrale Thema zuzuspitzen: Wie kann die politische Macht das künstlerische Schaffen kontrollieren, beherrschen oder einschränken? Natürlich ist jede Rechtfertigung lächerlich, daher rührt die Komik im Film.
Wie Nanni Moretti
Unter den Kinoreferenzen nimmt Nanni Moretti einen zentralen Platz ein. Das ist sicherlich kein Zufall, denn Ali Asgari studierte Film in Italien, nachdem er sein Studium im Iran abgeschlossen hatte. Unmöglich, nicht an Caro Diario zu denken, wenn Sadaf und Bahram zu den Klängen beschwingter Jassmusik durch Teheran kurven. Und wegen der Metakritik am Filmmilieu gibt es auch eine Verbindung zu Sogni d’oro. In Divine Comedy scheinen künstliche Intelligenz und Mainstream als Themen auf, worauf Moretti in einer urkomischen Szene seines jüngsten Films Il sol dell’avvenire (eine weitere Betrachtung zu Kino und Politik) ebenfalls eingeht, indem er persönlich bei Netflix vorbeischaut.
Auch auf der Metaebene arbeitet der Film mit Spiegelungen: Bahrams Zwilling Bahman – ein erfolgreicher, systemkonformer Regisseur – fungiert als dessen Gegenbild. Während der eine für Anpassung steht und entsprechend selbstsicher ist, verkörpert der andere künstlerische Integrität um den Preis der Unsichtbarkeit und erinnert – einerseits ängstlich, andererseits klarsichtig, an gewisse Figuren von Woody Allen. Diese Ebene nährt auch Sadafs Figur, deren Erscheinung immer wieder Anlass zu Anstoss gibt. Ihr Arbeitsverbot im wirklichen Leben spiegelt sich in den Hindernissen, denen sie in der Fiktion als Blauhaarige begegnet: Jede Tür, die sich vor ihr schliesst, wird zum Symbol für die Kontrolle, die über Körper und Frauen ausgeübt wird.
Wenn Divine Comedy eine wahnwitzige Absurdität offenbart, dann ist es die des iranischen Regimes, und nichts daran ist übertrieben. Alles entspringt einer Wirklichkeit, in der sich das göttliche Gesetz in einer grotesken Bürokratie verfestigt hat und der Alltag die Züge einer tragischen Farce annimmt. Und doch lässt Ali Asgari einen Hoffnungsschimmer durchscheinen, und zwar in einem historischen Moment, als der Sturz des Regimes von Baschar al-Assad im TV gezeigt wird und die Basidsch und andere Revolutionsgarden angesichts der Nachricht versteinern.
Letztendlich zeigt Divine Comedy, dass das Kino ein Ort des Widerstands ist, und dass Humor, weit davon entfernt, blosse Unterhaltung zu sein, eine bedeutende Waffe gegen Unterdrückung bleibt. Während Asgari Totalen bevorzugt, in denen der Raum zu feindlichem Territorium wird, rückt er in einer der wenigen Nahaufnahmen den zensierten Hund ins Zentrum – jenes Detail, das die Kette der Verbote ausgelöst hat. Ein scheinbar banales Element, das die ganze Logik der Repression sichtbar macht. Damit ist alles gesagt.
Ali Asgari:
Ali Asgari, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, wurde 1982 in eine Familie der ethnischen Minderheit der Tat geboren. Nach seinem Abschluss an der Islamischen Azad-Universität in Teheran absolvierte er ein Filmstudium in Rom. 2013 nahm er am Berlinale Talent Campus teil und machte zunächst mit …
Divine Comedy
Artikel veröffentlicht: 21. April 2026
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