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Heilige, Hure, Mutter – und Frau?
In Kalkutta hilft Schwester Teresa den BedĂĽrftigen, gleichzeitig wartet sie auf die Zustimmung des Vatikans zur GrĂĽndung ihres eigenen Ordens. Ihre Nachfolge im Kloster soll die fromme Agnieszka antreten, die ihr aber ausgerechnet jetzt einen kapitalen Fehler beichtet.
Der Countdown läuft, die Tage sind gezählt. Am Ende wird sie wie aus der Pistole geschossen ans helfende Werk gehen und Millionen Elenden die sorgende, rettende Mutter sein. Endlich. Teresa von den Loretoschwestern hat beim Vatikan einen Antrag auf Selbständigkeit gestellt, sie will ihre eigene Organisation gründen, die «Missionarinnen der Nächstenliebe». Teresa will raus aus dem Konvent, in dem sie und ihre Mitschwestern privilegierten indischen Kindern in Kalkutta (heute: Kolkata) Lesen, Schreiben, Rechnen und christliche Lieder beibringen. Sie will raus in die Slums, wo Hilfesuchende ganz anderen Kalibers vergebens hoffen, wo die Aussätzigen in den Ecken verenden und das niemanden kümmert. Schwester Teresa aber schon; ihre Berufung liegt in der Gosse, denn in der Finsternis von Armut, Krankheit und Tod kann das Licht ihres Glaubens umso heller erstrahlen. Man kann das durchaus anmassend finden, und irgendwie auch eitel.
Heilige Hardlinerin
Von der ersten Minute an lässt Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Teona Strugar Mitevska keinen Zweifel aufkommen: Es handelt sich bei Mother nicht um eine Hagiografie der Mutter Teresa. Jener Ikone der Aufopferungsbereitschaft und Nächstenliebe, die keine Berührungsängste kannte und der keine Arbeit zu niedrig war, 1979 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, nach ihrem Tod am 5. September 1997 im Schnellverfahren 2003 selig- und 2016 dann auch heilig gesprochen. Eine demütige Dienerin ihres Herrn, deren Leumund über jeden Zweifel erhaben ist. Ist er?
Ungleichheit – sei es aufgrund des Geschlechts oder der ethnischen Zugehörigkeit – empört mich.
Teona Strugar Mitevska
Geboren wurde die spätere Heilige als Agnes Gonxha Bojaxhiu am 26. August 1910 in Üsküb im Osmanischen Reich, dem heutigen Skopje in Nordmazedonien. Für ihr Noviziat ging sie 1929 nach Indien, war in Darjeeling und Patna tätig und leitete schliesslich 17 Jahre lang die St. Mary’s School in Kalkutta, wo ihr eine Vision endlich ihre Berufung als «Heilige der Gosse» enthüllte. Fragen warf das Gebaren der kleinen, drahtigen Frau mit dem eisernen Willen bereits zu ihren Lebzeiten auf; hinsichtlich der Herkunft und Verwendung von Spendengeldern fischte man nicht selten im Trüben; die Zustände in den vom Orden betriebenen Hospizen liessen zu wünschen übrig; vom missionarischen Eifer getrieben, fehlte es der Mutter an Toleranz; ideologisch- theologisch galt sie als Hardlinerin, sprach sich beispielsweise vehement gegen Abtreibung aus.
Noomi Rapace
Doch das alles kommt erst später. Mitevska, die mit dem Gegenstand ihres Films den Geburtsort teilt – sie ist am 14. März 1974 in Skopje geboren, das damals in Jugoslawien lag – siedelt ihre Geschichte 1948 an; da gibt es weder den Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe noch die weltweit verehrte Lichtgestalt Mutter Teresa, an deren Piedestal man nicht zu rütteln wagt. Da gibt es «nur» die Mutter Oberin, die ungeduldig ihre Befreiung aus der klösterlichen Abgeschiedenheit erwartet und die ihre Amtsgeschäfte geordnet übergeben will – an ihre hoch geschätzte und sehr geliebte Mitschwester Agnieszka; die nun aber einen fetten Strich durch Teresas Rechnung zieht und deren Plan zunichte macht: Agnieszka nämlich, sie gesteht es Teresa unter Tränen, ist schwanger.
In der schwedischen Schauspielerin Noomi Rapace in der Titelrolle hat Mitevska eine ideale Verbündete; Rapace verleiht der Mutter die Anmutung einer kleinen geballten Faust, sie spielt sie als erratischen Charakter mit scharfem Verstand und tiefem Gefühl am Rande des Zerberstens und immer in Eile. Agnieszkas «Versagen» als Nonne stürzt Teresa in eine Glaubenskrise, die im Grunde eine Identitätskrise ist: Hat sie den richtigen Lebensentwurf gewählt? In diesem Kontext lässt sich der Umstand, dass sie schlussendlich doch ihrer «Berufung» folgt, auch als Übertrumpfungsgeste lesen. Und wieder tarnt sich Arroganz als Demut.
Hardrock Hallelujah oder: Die Frau in der katholischen Kirche
Mitevskas Inszenierung korrespondiert Rapaces kantiger Darbietung nicht nur mit unvermutet hereinbrechenden Heavy-Metal-Gitarrenriffs; die dynamische Kameraführung von Virginie Saint-Martin stellt zudem eine grosse Intimität zur Hauptfigur heraus der sie dann aber auch immer wieder ausbricht, um von oben (aus der Vogelrespektive Gottes-Perspektive) oder leicht erhöht (so dass Teresas/Rapaces Kopf gerade noch in den Kader ragt) das Gleichmass zu stören und die filmische Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Ob sich das, was Mother als das Geschehen im Laufe einer Woche erzählt, tatsächlich zugetragen hat, ist fraglich. Allerdings ist es, ob erfunden oder nicht, unerheblich für das, was Mitevska anhand der Figur der aus sich selbst heraus geschaffenen Menschenübermutter thematisch verhandelt. Ihr Film streift das Genre des Biopic nur am Rande, porträtiert vielmehr jenen bestimmten Typus von Gläubigkeit, der an den Fanatismus grenzt. Zudem wählt Mitevska die Konstellation der Konfrontation von leiblicher Mutterschaft (Agnieszka) und spiritueller Mutterschaft (Teresa), um die schizophrene Haltung der christlichen Kirche der Frau gegenüber – wie sie sich in der jungfräulich gedachten Mutter Gottes exemplarisch gestaltet findet – der genaueren Betrachtung zu unterziehen.
Ich habe 15 Jahre gebraucht, um Mother zu realisieren, einen Film, der genau das widerspiegelt, was ich bin und sein möchte: mutig, frei, kompromisslos. Freiheit ist ein Konzept, das in der Theorie so leicht zugänglich ist, in der Praxis jedoch so schwer umzusetzen. Die Punkrock-Energie des Films ist Ausdruck dieser neuen Freiheit, aber auch des Robin Hood, der in mir lebt.
Teona Strugar Mitevska
Was wird hier wie verschoben und verdrängt? Welche Selbstverleugnungsleistungen werden gläubigen Frauen abverlangt? Warum wird selbst den Bräuten Christi die Weiblichkeit verwehrt, dergestalt dass sich die Haare abschneiden muss, wer in einen Orden eintritt? Warum berührt es einen fast peinlich, wenn Mitevska an die Körperlichkeit der Nonnen erinnert, indem sie in einer Szene zeigt, wie diese ihre blutigen Monatsbinden in eine Schüssel mit Wasser werfen? Zugespitzt formuliert: Hat die Frau in der katholischen Kirche überhaupt einen Ort, wenn die Rollenbilder, die für sie bereit gehalten werden, die Hure, die Heilige und die Mutter sind? Wobei die Figur der Mutter als entsexualisiertes, sich selbst auf dem Altar der Familie opferndes Wesen gedacht wird. Dass es sich bei diesen Vorstellungen um überkommene patriarchale Klischees handelt, die aufgeklärte und emanzipierte Menschen nur mehr müde abwinken lassen, ändert nichts daran, dass Frauen, wenn sie keines davon für sich annehmen wollen, schikaniert und unterdrückt, marginalisiert, zum Schweigen gebracht und getötet werden.
Filmografie ohen Schwarzweiss
Dabei geht es Mitevska in ihrem Werk nicht um ein manichäisch gedachtes Gut oder Böse. Die Frage nach der Mitverantwortung der Frau am patriarchalen System treibt die Filmemacherin ebenso um wie das Gespür für die Ambivalenzen der Konflikte zwischen Geschlechtern – Ethnien – Religionen – Generationen. Sei es die arbeitslose Historikerin, die sich in God Exists, Her Name Is Petrunya (2019) spontan an einem kirchlichen, im Grunde jedoch abergläubischen, jedenfalls aber rein männlichen Ritual beteiligt. Sei es der ehemalige Scharfschütze, der sich in The Happiest Man in the World (2022) dem Leid stellen will, das er im Jugoslawienkrieg während der Belagerung Sarajevos verursacht hat. Hier wie dort erwächst, eh man sich’s versieht, aus einer scheinbar einfachen Opposition – erlaubt vs verboten, Täter vs Opfer – innerhalb weniger Momente ein komplexes Feld aus Antagonismen und Differenzen, auf dem weit und breit keine weissen Westen zu sehen sind, nurmehr Schattierungen von Grau. Und so verhält es sich auch mit der heiligen Mutter Teresa, die aus der Konfrontation mit der von ihr als Hure beschimpften Mitschwester als Frau hervorgeht und als ganz normaler, fehlerbehafteter Mensch.
Teona Strugar Mitevska:
Teona Strugar Mitevska, geboren 1974 in Skopje, ist eine nordmazedonische Regisseurin und Drehbuchautorin. Aufgewachsen in einer Künstlerfamilie, kam sie als Kinderschauspielerin zum ersten Mal mit Film in Berührung. Nach einer Ausbildung zur Grafikdesignerin studierte sie Film an der Tisch School …
Mother - Die Frau hinter der Ikone
Artikel veröffentlicht: 27. Januar 2026
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