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Zwischen zwei Welten
Erige Sehiris neuer Film «Promis le ciel» rückt Frauen ins Licht, die zwischen zwei Welten stehen: Sie kommen aus Ländern südlich der Sahara und leben in einer Gesellschaft, die sie abweist.
In Under the Fig Trees, ihrem ersten Spielfilm, der 2022 in der Quinzaine des cinéastes in Cannes lief, präsentierte Erige Sehiri ein exquisites Huis clos unter freiem Himmel. In einem Obstgarten mischte sie sich diskret unter die jungen Feigenpflückerinnen und fing bemerkenswert einfühlsam und realistisch die Kraft tunesischer Frauen in einer Gesellschaft im Umbruch ein. Heute setzt die Regisseurin ihre Erkundung des echten Lebens mit Promis le ciel fort, einem erneut immersiven Werk, das sich ins Herz einer Frauengemeinschaft nistet. 2025 in Cannes als Eröffnungsfilm der Sektion Un Certain Regard auserkoren, folgt er dem Lebensweg von Marie, Naney und Jolie, drei Ivorerinnen, die in der Hauptstadt Tunis Zuflucht gefunden haben – sowie dem eines kleinen Mädchens, das als Bindeglied fungiert: Kenza hat den Schiffbruch eines Migrantenbootes überlebt, das Europa ansteuerte. Der Film beginnt jedoch nicht im Meer, sondern mit einer intimen Szene im Wasser einer Badewanne.
Überlebende eines Schiffbruchs
Die vierjährige Kenza geniesst ein Bad, umringt von Marie, Naney und Jolie, die ihre Geschichte zu verstehen versuchen. Was ist passiert? Woher kommt sie? Das kleine Mädchen kann ihnen nur bruchstückhafte, bildhafte Antworten geben. Das Trauma ist zweifellos zu gross. Die drei Frauen verstehen das nur zu gut und organisieren sich, um Kenza aufzunehmen, bis sie eine bessere Lösung gefunden haben. Marie, eine evangelische Pastorin, beherbergt bereits Naney und Jolie in dem Haus, das ihr auch als Gotteshaus dient. Sie führen dort eine Art WG und versuchen, sich gemeinsam vor Armut, Rassismus und Diskriminierung zu schützen, die ihren Alltag in Tunis prägen. Das fragile Zusammenleben ist in diesen Tagen zusätzlich bedroht, der Druck von aussen steigt: Maries religiöse Tätigkeit wird in Frage gestellt, Naney hat keine Papiere und Jolie, eine Studentin, ist um ihre Emanzipation von der Familie und als Frau bemüht.
Die drei Frauen werden mit Kraft und Prägnanz dargestellt: Aïssa Maïga verkörpert Marie mit Zurückhaltung, Laetitia Ky verleiht Jolie magnetisches Charisma und Debora Lobe Naney – eine Laiendarstellerin, die entdeckt wurde, als sie selbst die Überfahrt wagen wollte – erfüllt die Leinwand mit ihrer Lebensenergie. Die junge Estelle Kenza Dogbo wiederum prägt die Figur von Kenza mit ihrer berührenden Unschuld. Inspiriert ist dieser Charakter von einem Kind, das die Regisseurin während ihrer Recherche- und Dokumentationsarbeit in einer evangelikalen Kirche in Tunis tatsächlich getroffen hat und das später bei der versuchten Überfahrt ums Leben gekommen ist. Die Realität ist immer präsent.
Nuanciertes Bild
Dank flüssiger Erzählung, rhythmisiertem Schnitt und einer Inszenierung, die sich ganz nah an den Körpern und Blicken der Figuren bewegt, skizziert Erige Sehiri Szene für Szene die Konturen und Facetten ihrer Charaktere. Marie leitet die Messen in ihrer «Kirche der Beharrlichkeit» mit Inbrunst und Beständigkeit und steht kompromisslos für ihre Werte ein. Jolie setzt auf ihr Studium, um sich zu integrieren, während Naney plant, das Meer zu überqueren – bereit, Risiken einzugehen, um etwas Geld zu verdienen und eine bessere Zukunft zu finden. Gemeinsam zeichnen sie ein vielschichtiges Bild, das für das Schicksal aller Frauen steht, die allein nach Tunesien gekommen sind und ihre Familien, Wurzeln, Traumata und Vergangenheit hinter sich gelassen haben.
Man vergisst oft, dass die grosse Mehrheit der afrikanischen Migrant:innen, nämlich rund 80 Prozent, innerhalb des Kontinents umsiedelt. Nur 20 Prozent von ihnen wandern nach Europa aus.
Erige Sehiri
Marie, Naney und Jolie fühlen sich durch ihre individuellen, tiefsitzenden Verletzungen verbunden, helfen sich gegenseitig und stützen ihre Glaubensgemeinschaft, gleichzeitig ist jede auch durch konkrete persönliche Konflikte absorbiert, die im Keim die Tendenz haben, sie auseinanderzutreiben. Die Ankunft von Kenza schweisst sie zwar zusammen, doch die prekäre Lage, kleine Schwindeleien, Perspektivlosigkeit und Unterdrückung durch die Polizei sind alles Faktoren, die die Spannung in crescendo anwachsen lassen. Die Nebenfiguren – Männer, die um die Frauen kreisen – treten in Erscheinung und bringen weitere Facetten der Realität ans Licht. Der bekannte tunesische Schauspieler Mohamed Grayaâ verkörpert den Besitzer des Hauses, das als Kirche dient. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Menschlichkeit, die Pastorin Marie geschickt aus ihm herauszukitzeln weiss, und der Möglichkeit, Miete zu kassieren, ohne je etwas zu renovieren. Kommt dazu, dass der rassistische, gesellschaftspolitische Druck ihn dazu anhält, «Ausländerinnen» keinen solchen Dienst zu erweisen. Foued (Zoued Zaazaa) ist der tunesische Freund von Naney, scheint sich aber nicht bewusst zu sein, was ihr irregulärer Status genau bedeutet. Wie so viele, hält er sich aufgrund der Wirtschaftskrise und der verbreiteten Arbeitslosigkeit mit Kniffs und Tricks über Wasser. Eine reale Figur ist schliesslich Blamassi Touré, ein Menschenrechtsaktivist, der seit 15 Jahren in Tunesien lebt und tatsächlich blind ist. Wie Marie unterstützt und verteidigt er Migrantengemeinschaften. Auf ebenso eindringliche wie subtile Weise erinnert der Film daran, dass die überwiegende Mehrheit der Migrationsbewegungen innerhalb des afrikanischen Kontinents stattfindet und nur eine Minderheit Europa erreicht.
Promis le ciel geht also über das individuelle und intime Schicksal seiner Heldinnen hinaus und steht in Resonanz zu einer globalen Realität. In einem Dialog erfahren wir, dass Tunesien früher Teil einer Region namens «Ifriqiya» war, von der das Römische Reich den Namen «Afrika» ableitete. Eine einleuchtende Art, an die afrikanischen Wurzeln Tunesiens zu erinnern. Als Anspielung auf die Vergangenheit kann auch die Szene gelesen werden, in der die kleine Kenza ihre Arme durch die Sprossen einer Treppe steckt und die Ketten der Sklaverei evoziert werden. Diese diskreten, aber eindringlichen Details prangern die Unterdrückung von Migrant:innen und Opfern von Rassismus an. Die Filmemacherin drehte ausgerechnet zu jener Zeit, als die tunesische Regierung einen noch autoritäreren Kurs einschlug. Sie musste an Ort und Stelle filmen, wo sie auch ihre Recherchen betrieben hatte, um die Darstellenden nicht zu exponieren und in Gefahr zu bringen. Die Nähe zum Geschehen entspricht dem Ansatz von Under the Fig Trees und einer Dokumentarfilmerin, die ihr Material vor Ort und in Interviews sammelt, mitten in der Wirklichkeit – in diesem Fall jener junger Menschen, die aus dem Süden nach Tunesien kommen und sich in einer feindseligen Umgebung wiederfinden.
Selten dargestellte Realität
Die immersive Herangehensweise, bei der die Schauspielerinnen, darunter auch Laien, intensiv in ihre Rolle eintauchen, zeichnet sich durch einen hochgradig ethischen Ansatz aus, der die körperliche und verbale Freiheit stets respektiert. Damit reiht sich Erige Sehiri in die Generation tunesischer Regisseurinnen ein, die nach der «Revolution der Würde» von 2010 hervorgetreten sind, wie etwa Leyla Bouzid, deren Film À peine j'ouvre les yeux schon im Jahr 2015 das Bedürfnis nach Freiheit zum Ausdruck brachte, oder Kaouther Ben Hania, die zwei Jahre später in La Belle et la Meute die Gewalt gegen Frauen frontal anprangerte (beide als DVD oder im Streaming bei trigon-film respektive auf filmingo.ch erhältlich). Wie diese Filmemacherinnen fängt Sehiri die Schwächen und das Schweigen einer Gesellschaft im Wandel ein, betont aber auch die Solidarität. Sie pflegt einen zutiefst menschlichen Blick, der Nuancen und Widersprüche aufmerksam wahrnimmt. In Under the Fig Trees wird der Obstgarten zu einem eigentlichen Theater der Emotionen, in dem sich Gefühle zwischen Liebe, Freundschaft, Tradition und Freiheit aufspannen. In Promis le ciel setzt sie diesen sensiblen Filmstil fort, der feine Gesten, Blicke und Atemzüge registriert – jedoch mit einer neuen Dringlichkeit, die durch eine im Kino selten dargestellte soziopolitische Realität und ein besonders angespanntes Klima während der Dreharbeiten genährt wird.
Für mich folgt dieser Film dem gleichen Ansatz wie die bisherigen: die Unsichtbaren sichtbar machen.
Erige Sehiri
Während die Europäische Union 2023 versuchte, ein Migrationsabkommen mit Tunis abzuschliessen, um Italien dabei zu helfen, die Ankunft von Immigrant:innen einzudämmen, schürte der autokratische Präsident Kaïs Saïed Hass und Ablehnung, indem er erklärte, dass «Horden von illegalen Einwanderern aus Subsahara-Afrika» in sein Land geströmt und «für Gewalt, Verbrechen und inakzeptable Akte» verantwortlich seien. Diese Äusserungen lösten eine nun sozusagen legitimierte Welle der Gewalt gegen Schwarze aus: Razzien, willkürliche Verhaftungen, Übergriffe, illegale Inhaftierungen in unhygienischen Lagern... Obwohl Tunesien 2018 als eines der ersten Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten ein Gesetz gegen Rassendiskriminierung erlassen hat, gehen die Angriffe und Gewalttaten weiter. Diese Spannungen sind im Off stets als Bedrohung präsent, die über Marie, Jolie und Naney schwebt.
Les Maquis
In diesem aufgeladenen Umfeld versuchen sie sich zu schützen, indem sie sich im Abseits aufhalten, als würden sie sich in einer Zwischenwelt bewegen. Wie viele Frauen aus Westafrika, der Elfenbeinküste, dem Kongo oder Kamerun haben sie keine wirklichen Bindungen mehr: weder zu ihrer Familie, noch zu ihrem Herkunftsland, noch zu Tunesien, das sie ablehnt. So entwickeln sie untereinander fragile Formen von Solidarität und Schwesternschaft und errichten dabei eine Parallelwelt mit eigenen geheimen Bars, die sie hier «Les Maquis» nennen (französische Widerstandsgruppen im Zweiten Weltkrieg), mit eigenen Kirchen, mit Diskotheken, zu denen sie Zutritt erhalten. In diesen Nischen können sie aufatmen und soziale Bindungen knüpfen. Erige Sehiri gibt die Momente der Freude und des befreienden Lachens wieder, während sie gleichzeitig die lauernden Bedrohungen andeutet: Gerüchte über Razzien, Warnungen, sich unauffällig zu verhalten, Taxis, die sich weigern, schwarze Frauen mitzunehmen, die Gefahren des Alkoholverkaufs, der natürlich verboten ist. Alles Zeichen, die dem Widerstand von Marie, Naney und Jolie in ihrer kleinen Zwischenwelt entgegenlaufen.
In der Schwebe
Die Inszenierung wie auch die Fotografie schärfen den Kontrast zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit. Schiffe – Symbole für die Überfahrt nach Europa – navigieren unerreichbar am Horizont, Flugzeuge ziehen in einer andern Sphäre ihre Kondensstreifen. Die entschlossenen, lebensfrohen Frauen sind dagegen in starke Farben gehüllt: Blau, Weiss, Rosa und Rot dominieren. Szenen bei Sonnenaufgang oder -untergang unterstreichen das Motiv des Dazwischen: zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen hier und anderswo, zwischen Hoffnung und Resignation. Der Zwiespalt solidarischer Frauen in einer fragmentierten Umgebung. Inspiriert von Erfahrungsberichten oder ihrem eigenen Lebensweg, gelingt es den Schauspielerinnen, ihre Befürchtungen und Ängste mit erschütternder Authentizität auszudrücken, befördert durch eine Inszenierung, die mit Gegensätzen und einem Wechselspiel aufwartet: Auf Close-ups, die Gesichter und Mimik isolieren, folgen Totalen oder Parallelmontagen, die die Lebenswege der Figuren miteinander verbinden und eine heilende Schwes- ternschaft erzeugen: Sequenzen in Nachtclubs oder gemeinsame Sonntagsmessen bieten Momente der Erleichterung, des Loslassens und der Freiheit.
Musik und Gesang spielen eine zentrale Rolle in der einfühlsamen Erzählung. Beispielsweise wenn die Kirchgemeinde den Gospel «L’agneau de dieu» anstimmt oder das titelgebende Stück «Promis le ciel» des französisch-karibischen Trios «Delgres» erklingt: «Man hat mir den Himmel versprochen, bis dahin, rudere ich weiter auf der Erde . . .» So schreiten Marie, Naney und Jolie voran – zwischen schwebenden Träumen, flüchtigen Verbindungen und Beharrlichkeit.
Erige Sehiri:
Die französisch-tunesische Regisseurin und Produzentin Erige Sehiri (*1982) lebt in Tunis und war mit der Episode Le Facebook de mon père (2012) am Gemeinschaftsprojekt «Albums de famille» beteiligt, das beim CINEMED in Montpellier und in Clermont-Ferrand ausgezeichnet wurde. Seit der Jasminrevolut…
Promis le ciel
Artikel veröffentlicht: 11. Februar 2026
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