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Interview

«Eine universelle Geschichte einer unmöglichen Liebe»

Der japanische Regisseur Koji Fukada über die Entstehung seines Spielfilms «Love on Trial» und warum ihn Kyoko Saito beim Casting für die Hauptrolle sofort überzeugte.

Koji Fukada, wie sind Sie zur Geschichte von Love on Trial gekommen?
Die Idee zum Film entstand vor zehn Jahren, als ich im Internet einen Artikel über ein Idol entdeckte, das von seiner Agentur verklagt wurde, nachdem es eine Liebesbeziehung mit einem Fan eingegangen war. Das tiefe Unbehagen, das ich beim Lesen dieses Falls empfand, bildete den Ausgangspunkt für diesen Film. Bis dahin wusste ich nur wenig über die Idol-Kultur, und es erschien mir wichtig, die Branche und die Menschen, die in ihr leben und arbeiten, besser zu verstehen. Deshalb führte ich Gespräche mit Idols und ihren Produzenten, um in diese Welt einzutauchen und das Drehbuch zu entwickeln.

Das tiefe Unbehagen, das ich beim Lesen dieses Falls empfand, war der eigentliche Ausgangspunkt für diesen Film. Bis dahin wusste ich nur wenig über die Idol-Kultur. Durch Gespräche mit Idols, ihren Produzenten und anderen Menschen aus der Branche tauchte ich immer tiefer in diese Welt ein und entwickelte daraus das Drehbuch.

Filmstill «Love on Trial»

Love on Trial thematisiert geschlechtsspezifische Ungleichheiten. Was hat Sie an diesem Thema besonders gereizt?
Wenn man in einem Land wie Japan lebt, das im Global Gender Gap Index durchweg unter Platz 100 rangiert und unter den G7-Staaten mit Abstand den letzten Platz einnimmt, ist es unmöglich, nicht über die Ungleichheit der Geschlechter nachzudenken. Die Filmindustrie bildet da keine Ausnahme: Sie ist nach wie vor sehr männerdominiert und bietet Frauen nur wenige Chancen.In der Unterhaltungsindustrie habe ich immer wieder beobachtet, wie Schauspielerinnen und Idols an Massstäben «sexueller und moralischer Reinheit» gemessen werden, die sie erfüllen müssen, um nicht scharf kritisiert zu werden. Hält man die Kamera auf die japanische Gesellschaft (und sicherlich nicht nur auf sie), wird die Ungleichheit der Geschlechter unweigerlich zu einem Motiv, das – gewollt oder ungewollt – sichtbar wird.

Filmstill «Love on Trial»

Kyoko Saito liefert in der Hauptrolle eine beeindruckende Leistung. Wie verlief das Casting für die Rolle der Mai, und welche Eigenschaften waren Ihnen bei der Besetzung besonders wichtig?
Gesten, Codes und Verhalten von Idols sind Teil einer besonderen Kultur, die durch die Beziehung zu den Fans geprägt ist. Für eine Schauspielerin ist es eine Herausforderung, die Idol-typischen Eigenschaften authentisch darzustellen. Deshalb wollte ich die Rolle der Mai Yamaoka von Anfang an einem echten Idol anvertrauen. Da der Film jedoch einen kritischen Blick auf die Branche wirft, lehnten viele Agenturen unsere Casting-Anfragen ab. Ich war kurz davor, meinen Plan zu verwerfen, als ich im Frühjahr 2024 auf einen Artikel über Kyoko Saito stiess, die gerade aus der berühmten Gruppe Hinatazaka46 «ausgestiegen» war.

Ich habe sofort Kontakt zu ihr aufgenommen und sie zum Vorsprechen eingeladen. Trotz den Risiken, die eine solche Rolle birgt, zeigte Saito beim Casting grosses Engagement. Wir waren von ihrer Darbietung so beeindruckt, dass wir ihr die Rolle direkt anboten. Es war offensichtlich, dass ihre Erfahrung der Figur zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen würde. Besonders fesselten mich jedoch die emotionale Tiefe und Intensität ihres Blicks in der Gerichtsszene, die sie beim Vorsprechen spielte.

Filmstill «Love on Trial»

Die Beziehung zwischen «Happy Fanfare» und ihren Fans hat etwas Oberflächliches. Was sagt das über die heutige Promi-Kultur aus?
An der Aufrichtigkeit der Leidenschaft, die Idol-Fans ihren Idolen entgegenbringen, lässt sich kaum zweifeln. Man spricht dabei manchmal von einer Pseudo-Romanze. Der Wahrheitsgehalt dieser «Liebe» bleibt schwer zu fassen – selbst für diejenigen, die sie empfinden. Das eigentliche Problem liegt in dem Versuch, diese Gefühle zu kontrollieren und zu kommerzialisieren. Diese Bindung wird gezielt gefördert und zugleich ausgenutzt, um Gewinne zu erzielen. Sie verweist auf die beunruhigende Oberflächlichkeit der heutigen Promi-Kultur, in der Bekanntheit in kapitalistischen Gesellschaften unmittelbar zur Ware wird und in Profit umgewandelt wird.

Filmstill «Love on Trial»

Warum haben Sie sich dafür entschieden, dass Mai sich in einen Pantomimen verliebt?
Ich wollte einen starken Kontrast zwischen den Idols schaffen – Produkten von Agenturen, deren Unabhängigkeit stark eingeschränkt ist – und Strassenkünstlern, die sich selbst produzieren und unmittelbar vom Publikum abhängig sind. Diese Gegenüberstellung erlaubt auch den Vergleich zweier unterschiedlicher ökonomischer Systeme: dem streng regulierten System der Idol-Industrie und der direkten, existenziellen Abhängigkeit der Strassenkünstler von der Grosszügigkeit des Publikums.

Für Mai bedeutet diese Begegnung eine besondere Anziehung zu Kei, gerade weil er ein Leben führt, das sie sich für sich selbst kaum vorstellen kann. Ein weiterer persönlicher Grund ist meine Liebe zu Filmen von Chaplin, Fellini und Pierre Étaix, die Strassenkunst ins Zentrum stellen – sie wirkt für mich von sich aus schon fantasievoll und filmisch.

Der Film arbeitet mit einem starken Kontrast zwischen der Welt der Idols und den Gerichtsszenen. Wie haben Sie die Struktur dieses Übergangs entwickelt?
Die Idee war, zwei Welten aufeinanderprallen zu lassen: die bunte Popwelt der Idols und die kühle Realität des Gerichtssaals. Mai, die einst in dieser glitzernden Welt lebte, findet sich plötzlich allein einer anonymen Ordnung im Gerichtssaal gegenüber. Zugleich erzählt der Film von einer jungen Frau, der unter dem Deckmantel des Schutzes die Selbstbestimmung entzogen wurde und die sich ihre Unabhängigkeit zurückerobert. In der Konfrontation mit der eigenen Einsamkeit liegt zugleich ihre Rückkehr zu sich selbst.

Filmstill «Love on Trial»

Ihre Filme zeichnen oft detaillierte Porträts zwischenmenschlicher Beziehungen. Inwiefern knüpft Love on Trial daran an?
Es fällt mir schwer, das selbst zu beurteilen, da jedes Werk unbewusst die Handschrift seines Autors trägt. Ich würde mich freuen, wenn das Publikum die roten Fäden in meinen Filmen selbst entdeckt.

Ich hoffe, dass meine Filme sich nicht darauf beschränken, eine Botschaft zu vermitteln, sondern vielmehr als Spiegel wirken, der dem Publikum ermöglicht, seine eigene Position in der Welt neu zu entdecken. Um dies zu erreichen, versuche ich, meine Figuren aus einer gewissen Distanz zu betrachten – fast wie aus der Perspektive einer dritten Person. Diese Haltung zieht sich als Konstante durch meine Arbeit.

Filmstill «Love on Trial»

Love on Trial ist im japanischen Kontext verankert, behandelt jedoch universelle Themen wie Ruhm und das Streben nach Unabhängigkeit. Wie haben Sie diese Balance gefunden?
Die Idol-Kultur ist zweifellos faszinierend und einzigartig, was dazu verleiten kann, jedes Detail festhalten zu wollen. Hätte ich das getan, hätte der Film schnell wie eine Führung durch eine exotische Welt gewirkt, deshalb habe ich mich zurückgehalten. Ich habe kulturelle Erklärungen auf ein Minimum beschränkt, um den Fokus auf die menschlichen Konflikte zu legen: Liebe und Einsamkeit – Themen, die überall existieren. Im Grunde erzählt Love on Trial eine universelle Geschichte einer unmöglichen Liebe, die an klassische Erzählungen wie «Romeo und Julia» erinnert.

portrait Koji Fukada

Koji Fukada:

Koji Fukada was born in 1980 in Tokyo. He attended Faculty of Literature at Taisho University and began taking classes in filmmaking at the same time at Film School of Tokyo in 1999. After making his first feature film The Chair, he joined the Seinendan theatrical company headed by Oriza Hirata in …

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