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Filmbesprechung

Ein Thriller mit Heilwirkung

Zwischen politischer Parabel, spannungsgeladenem Drama und Radikalisierungsgeschichte untersucht «Salvation» die psychologischen und politischen Mechanismen, die zu kollektivem Hass führen. Nach «Burning Days» bekräftigt Emin Alper seine formale Meisterschaft eindrucksvoll.

Schon von den ersten Bildern an besticht Salvation durch die schlichte Schönheit seiner Landschaften. In einer Region im Süd­osten Anatoliens liegen zwei Dörfer einander gegenüber: Ober­-Pingan, hoch oben auf einem Gipfel, der das Tal von oben herab überragt, und Unter-­Pingan, das sich in der Ebene ausbreitet. Diese scheinbar einfache Geografie wird sogleich zu einer Meta­pher für das Kräfteverhältnis, das die Erzählung prägt und struk­turiert. Denn hinter der Erhabenheit der Landschaften verbirgt sich eine Gesellschaft, die von Ängsten, Groll und Rivalitäten der Vergangenheit geleitet ist. Indem der Staat Dorfmilizen be­waffnet hat, die den Kampf gegen die «Terroristen» führen sollen, hat er die Voraussetzungen für einen Flächenbrand geschaffen, dessen Folgen niemand abzuschätzen scheint. Einmal mehr ver­ wischt der türkische Filmemacher die Grenzen zwischen Realität, Fantasie und Albtraum, um diese sehr zeitgenössischen Ängste zum Ausdruck zu bringen.

Als eine der Schlüsselfiguren des «Neuen türkischen Kinos», das um die Jahrtausendwende entstand, gehört Alper zu jener Gene­ration, die sich auf das kritische Erbe von Filmemachern wie Yılmaz Güney stützt und parallel zu grossen Namen wie Nuri Bilge Ceylan hervorgetreten ist. Durch seinen offen politischen und allegorischen Ansatz hebt er sich gleichzeitig von dieser ab. Als Historiker versteht er es wie kein anderer, lokale Erzählungen aufzugreifen und auszuschmücken, um Machtmechanismen, kol­lektive Ängste, Nationalismus und Autoritarismus anzuprangern. Sein Kino bewegt sich an der Schnittstelle zwischen sozialem Realismus und Genrekino und bedient sich dabei des Thrillers, paranoider Spannung und einer Atmosphäre, die dem Western und manchmal auch der Dystopie nahekommt.

Filmstill «Salvation»

Geschichten veredeln

Seit seinem ersten Spielfilm Beyond the Hill, der 2012 an der Berlinale ausgezeichnet wurde, hat sich Emin Alper als eine der wichtigsten Figuren des zeitgenössischen türkischen Kinos etab­ liert und ein Werk geschaffen, in dem isolierte Gemeinschaften zum Spiegel weitreichender politischer Dynamiken werden. Ob es sich um Vertrauensverlust und Paranoia in Abluka, die sozialen Machtverhältnisse in A Tale of Three Sisters oder um Korruption und Populismus in Burning Days handelt – jeder seiner Filme nutzt einen bestimmten Schauplatz, um universelle Spannun­gen zu beleuchten. Die drei zuletzt genannten Titel können auf filmingo.ch gestreamt oder auf trigon-­film.org als DVD bestellt werden.

Mit Salvation erreicht Emin Alpers künstlerische Entwicklung einen vorläufigen Höhepunkt. Nachdem Burning Days 2022 vom Filmfestival Cannes selektioniert und danach zu einem internationalen Erfolg wurde, konnte er seine neue Arbeit in diesem Jahr auf der Berlinale präsentieren, deren Jury ihn zu Recht mit dem Silbernen Bären – dem Grossen Preis der Jury – beehrte. Alper setzt darin geschickt seine Auseinandersetzung mit den autoritä­ren Auswüchsen fort, die die heutige Türkei prägen, geht aber klar über diesen Rahmen hinaus. Er interessiert sich weniger für ein bestimmtes autoritäres Regime als für die Mechanismen, die es Individuen ermöglichen, das Unentschuldbare zu rechtfertigen. Sein Blick umfasst somit die Konflikte, die heute die Welt zer­ reissen, von der Ukraine über den Nahen Osten bis hin zu allen Regionen, in denen die Angst vor dem Anderen zu einem Instru­ment politischer Propaganda wird.

Es ist ein Film darüber, wie eine Gemeinschaft schreckliche Verbrechen begehen kann. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen... Leider gilt das auch für die Gegenwart.

Emin Alper

Bei der Pressekonferenz zu Salvation in Berlin machte der Regisseur aus seiner Haltung kei­nen Hehl und erklärte: «Es ist ein Film darüber, wie eine Gemein­schaft schreckliche Verbrechen begehen kann. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen . . . Leider gilt das auch für die Gegen­wart.» Er bekräftigte zudem seine Solidarität: «Ihr Palästinenser in Gaza, die ihr unter schlimmsten Bedingungen lebt und sterbt: Ihr seid nicht allein. Ihr Menschen im Iran, die ihr unter Tyrannei leidet: Ihr seid nicht allein. Und ihr Kurden in Rojava, die ihr seit fast einem Jahrhundert für eure Rechte kämpft: Ihr seid nicht allein. Und schliesslich, mein eigenes Volk: Auch ihr seid nicht allein.» Daraufhin würdigte er mehrere Kollegen, die seit Jahren inhaftiert sind, sowie den ehemaligen Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu, der seit einem Jahr in den Gefängnissen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einsitzt.

Filmstill «Salvation»

Über diese eindringlichen und unmissverständlichen Aussagen hinaus ist die Kritik umso scharfsinniger, als sie sich im Herzen des Films, in der Darstellung und in den Emotionen, verbirgt. In Salvation zeichnet sich hinter den Auseinandersetzungen zwischen zwei rivalisierenden Clans nach und nach eine umfas­sendere Reflexion über Massenmorde, Kriege, ethnische Säube­rungen und den Diskurs des Heilsversprechens ab, der diese begünstigt oder gar hervorbringt. Die im Titel suggerierte Befrei­ ung analysiert hier ein Filmemacher, der es versteht, die Tabus in einem streng überwachten Land zu umgehen.

Schlummernder Konflikt

Salvation basiert auf einem besonders tragischen realen Ereignis. Im Jahr 2009 führte ein Konflikt zwischen verfeindeten Familien in einer kurdischen Region der Türkei während einer Hochzeit zum Massaker an vierundvierzig Menschen. Anstatt die Ereignis­se originalgetreu nachzustellen, macht sich Alper diese Geschich­te zu eigen und fiktionalisiert sie, um die psychologischen und politischen Treiber der Gewalt auf universelle Weise zu ergründen. Es wäre also verkürzt und töricht, den Film auf eine rein kurdische Geschichte zu reduzieren.

Filmstill «Salvation»

Der Film spielt im Südosten des Landes nahe der syrischen Grenze in zwei benachbarten Dörfern, die sowohl durch ihre geografische Lage als auch durch ihre Geschichte voneinander getrennt sind. Der auf den Anhöhen ansässige Hazeran-­Clan hatte einst zugestimmt, mit dem türkischen Staat zusammenzu­arbeiten, indem er zur «Dorfwache» wurde, also eine jener bewaff­neten Milizen bildete, die mit der Bekämpfung der kurdischen Revolution beauftragt waren. Der in der Ebene ansässige Bezari­-Clan hingegen lehnte dieses Bündnis ab und wurde ins Exil gezwungen. Jahre später kehrt er auf sein Land zurück, was die Spannungen erneut aufflammen lässt. Hinter der Landfrage ver­ bergen sich Fragen der Erinnerung, der Identität, der Macht und der Zugehörigkeit. Der Konflikt offenbart eine Gesellschaft, die unfähig ist, ihre Traumata zu überwinden.

Filmstill «Salvation»

Angst und Paranoia

Wie ein klassischer Politthriller zeigt Salvation auf, wie bestimm­te Ereignisse die Bevölkerung schleichend verändern. Der Film beginnt mit der Heimkehr von Mesut, einem einflussreichen Mitglied des Hazeran-­Clans, nach einem Feldzug gegen vermeint­liche Terroristen. Sein Bruder, Scheich Ferit, der angesehene geistliche Führer der Gemeinschaft, versucht seinerseits, den Frieden zu wahren, indem er die Koexistenz mit den ins Dorf zurückgekehrten Bezari predigt. Zwischen den beiden Männern zeichnet sich schnell ein grundlegender Gegensatz ab. Ferit ver­ körpert Mässigung, Dialog und Versöhnung, während Mesut sich zunehmend von Angst und Paranoia überwältigen lässt. Über­zeugt davon, dass der feindliche Clan seine Rache vorbereitet, sieht er überall Anzeichen für eine drohende Gefahr.

Während unser Film auf der Mikroebene operiert, ist Mesuts persönliche Mission im Wesentlichen dieselbe wie die religiöse Mission des Siedlerkolonialismus: Es ist eine ‹Erlösung›, die die Auslöschung anderer erfordert.

Emin Alper

Diese Entwicklung bildet den Kern der Geschichte. Mit den wach­senden Spannungen beginnt Mesut, seine Träume als göttliche Offenbarungen zu deuten. Zunächst von seiner Eifersucht genährt, leisten die Visionen einem immer radikaleren Diskurs Vorschub, der auf der Idee basiert, dass ein Präventivschlag notwendig sei, um das Überleben seiner Gemeinschaft zu sichern. Der Mecha­ nismus ist nur allzu bekannt: Man konstruiert einen Feind, um Gewalt zu legitimieren. Anhand dieser Entwicklung untersucht Alper präzise die Logik, die gewöhnliche Menschen dazu bringt, das Extreme zu akzeptieren. Er zeigt, wie Angst, wenn sie von cha­ rismatischen Führern und apokalyptischen Erzählungen geschürt wird, sich schliesslich in ideologische Gewissheit verkehrt.

Filmstill «Salvation»

Das Motiv des Doppelgängers

Der Thriller dient als Warnung vor Radikalisierung und besticht durch eine besonders subtile Symbolik. Eines der wichtigsten Motive ist die Figur des Doppelgängers, die auf mehreren Ebenen der Erzählung präsent ist und stets mit Finesse eingesetzt wird. Die beiden Dörfer erscheinen wie verfeindete Zwillinge. Die bei­ den Brüder verkörpern gegensätzliche Visionen. Und Mesuts Frau Gülsüm ist mit Zwillingen schwanger, was er selbst als beunruhi­gende Zweideutigkeit empfindet. Mit hintergründigem Humor greift Emin Alper einen lokalen Aberglauben auf, wonach der zwei­te Zwilling das Werk des Teufels sei. Dieser Glaube nährt Mesuts Obsessionen und trägt dazu bei, seine Wahrnehmung der Realität zu trüben. Nach und nach vergiften seine Albträume seine Sicht­weise, bis sie zu regelrechten Propagandainstrumenten werden.

Die traumhaften Sequenzen nehmen nun einen zentralen Platz ein. Sie waren bereits in Alpers früheren Werken präsent, erhalten hier jedoch eine neue Funktion. Sie dienen nicht mehr nur dazu, das Unbewusste oder die Zweifel der Figuren zu offenbaren, son­ dern werden zum eigentlichen Motor der Gemeinschaft. Mesuts Visionen breiten sich in seinem Umfeld aus und füttern eine gemeinsame Vorstellungswelt, in der die Feinde als übernatür­liche, ja teuflische Bedrohungen erscheinen. Der Regisseur zeigt auf, wie Glaubenssätze, Mythen und Identitätserzählungen dif­fuse Ängste in verheerende Gewissheiten verwandeln können. Diese ebenso faszinierenden wie beängstigenden traumhaften – oder besser gesagt albtraumhaften – Sequenzen veranschaulichen visuell das langsame Verschwinden der Individualität zugunsten einer aus den Fugen geratenen, fast sektenartigen Gemeinschaft.

Filmstill «Salvation»

«Prophetische» Träume

Alper geht so weit, erhabene Trance­Szenen zu inszenieren, in denen die Männer während einer Predigt wie in Trance sind, sin­gen und sich im Rhythmus wiegen, als befänden sie sich in einer kollektiven und für sie «prophetischen» Halluzination, die sie zu einem einzigen Körper verschmelzen lässt; zu einer regelrechten Sekte im Rausch. Salvation überzeugt auch mit seiner formalen Kohärenz. Die bergige Landschaft ist die physische Fortsetzung der herrschenden Spannungen. Wo Burning Days ein horizontales, von Abgründen durchzogenes Terrain erkundete, setzt Salvation auf eine permanente Vertikalität. Die Dörfer scheinen sich gegen­ seitig zu beobachten. Ihre gewundenen, von Steinhäusern gesäum­ten Strassen führen bergauf oder bergab und enden manchmal an einem steilen Abgrund. Der Blick fällt hinunter ins Tal, das zuweilen in Flammen zu stehen scheint, ohne dass man sagen könnte, ob es sich um eine Halluzination, einen echten Brand oder einfach nur um die Lichter der Häuser in der Nacht handelt. Die gigantischen Kulissen und Landschaften erinnern an die raffinier­testen Western.

Filmstill «Salvation»

Besorgniserregende Aktualität

Ein universeller Wahnsinn, denn die Kraft von Salvation liegt zweifellos in seiner Fähigkeit, über das unmittelbare Geschehen hinauszuweisen. Er prangert die politische Instrumentalisierung der Terrorgefahr, die Rhetorik des Präventivkrieges und die Schaffung von Sündenböcken generell an. All dies sind Mechanis­men, die wir heute leider in den unterschiedlichsten aktuellen Kontexten wiederfinden. Mit anderen Worten: Alper zeigt in die­ sem Film, wie sich Machthaber als Retter präsentieren, während sie gleichzeitig das Desaster vorbereiten. Noch beunruhigender ist, wie er verdeutlicht, warum diese Diskurse bei geschwächten Bevölkerungsgruppen Anklang finden.

So gelingt es ihm, Vereinfachungen strikt zu vermeiden. Hinter der Fassade einer männlich geprägten Erzählung voller Kämpfer und Clanführer räumt er den weiblichen Figuren einen Platz ein, von denen einige die patriarchalischen Werte mit einer Gewalt reproduzieren, die jener der Männer in nichts nachsteht; andere leiden wie immer unter den Folgen. Diese ehrliche Sichtweise auf die Komplexität von Frauen und Männern bereichert ein Werk, das polarisierende Erklärungen ablehnt.

Universelle Mahnung

Als politischer Thriller und psychologische Studie, die sich mit Populismus und dessen dramatischen Folgen auseinandersetzt, besticht Salvation durch seine beeindruckende formale Meister­schaft und verbindet narrative Spannung mit tiefgründiger Be­deutung und Reflexion. Der Regisseur erinnert uns daran, dass von Menschen verursachte Katastrophen niemals aus dem Nichts entstehen. Ihnen gehen Erzählungen, Ängste, Überzeugungen und Diskurse voraus, die Gewalt letztendlich akzeptabel machen. Indem er zeigt, wie eine ganze Gemeinschaft nach und nach in diese Logik abgleitet, hat Emin Alper ein beunruhigendes, hoch­ aktuelles, kraftvolles Werk geschaffen: ein universelles Signal.

portrait Emin Alper

Emin Alper:

1974 in Zentralanatolien geboren und aufgewachsen, studierte Emin Alper in Ankara Wirtschaft und Geschichte. Nach dem Doktorat in zeitgenössischer türkischer Geschichte lehrte er an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Technischen Universität Istanbul. Als Jugendlicher begann sich…

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