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Grenzerfahrungen
Nach «Western» hat die deutsche Filmemacherin Valeska Grisebach erneut in Bulgarien gedreht und den Lebensalltag so feinfĂŒhlig abgetastet, dass sie in Cannes hochverdient den Jurypreis erhielt.
Es war ein Zufall, der Valeska Grisebach bei den Recherchen zu ihrem Film den Beruf ihrer Hauptfigur bestimmen liess. Aber er passt nicht nur zu Veska, der Frau um die 50, die den Handlungsfaden spinnt und gerne lacht. Die Regisseurin selber pflegt ihre filmische Arbeit wie eine ArchĂ€ologin. Sie begibt sich an eine AusgrabungsstĂ€tte â in Western und Das getrĂ€umte Abenteuer an den Rand Europas â und sammelt BruchstĂŒcke des Lebensalltags, die sich vor Ort finden lassen. Sie nimmt sich Zeit, setzt die Fragmente zusammen, und am Ende betrachten wir eine wertvolle Vase, die immer noch LĂŒcken aufweisen mag, weil einzelne StĂŒcke fehlen, aber ein plastisches Bild vermittelt. FĂŒr ihre Arbeit braucht die ArchĂ€ologin helfende KrĂ€fte und Werkzeuge wie Spaten, Pinsel, Spachtel, Messband oder einen Metalldetektor. Auch Valeska Grisebach setzt auf ein Team und ihre Werkzeuge: Kamera, Ton, Montage. Sie findet und macht sichtbar, was unter der OberflĂ€che eines grenzwertigen Ortes verborgen liegt. Wie bei der ArchĂ€ologin sind das zunĂ€chst Kleinigkeiten, die am Ende, passend zusammengesetzt, eine ErzĂ€hlung bilden. Ihr Blick, ihre Wahrnehmung: sie zĂ€hlen. Beim Ausgraben eines BruchstĂŒcks mit Pinsel fragt eine Figur im Film: «Ist es etwas?» Und die ArchĂ€ologin meint: «Ja, aber was?»
Bei diesem Vorgehen ist man schauend mittendrin, fĂŒhlt sich gleichsam als Teil des Ausgrabungsteams. Unmerklich hat einen die ErzĂ€hlung aufgenommen, still, wenn auch beredt, nimmt sie ihren Lauf. Unter einem vor der Sonne schĂŒtzenden Baldachin sitzt Veska (Yana Radeva) bei der AusgrabungsstĂ€tte mit dem alten Freund Said (Syuleyman Letifov). Sie hat ihn 20 Jahre lang nicht mehr gesehen, bis sie einander in der Stadt zufĂ€llig begegnet sind. Er ist nach Svilengrad zurĂŒckgekehrt, weil er Geld braucht und weiss, dass es an dem Grenzort Casinos gibt und Wege, zu Geld zu kommen. Sie erzĂ€hlt, wie es archĂ€ologisch ein GlĂŒck sei, dass die Grenzregion wĂ€hrend des Kommunismus von Schatzsuchern verschont geblieben sei. Ein Wort ergibt in diesem Film das andere, der Dialog ist reich und fĂŒr sich allein schon prallvoll an FundstĂŒcken, die von den Menschen hier erzĂ€hlen und von der Geschichte. Als Kind wurde Saids Name zu Alben gewechselt, mit 15 war der nicht mehr bulgarisch genug, also nannte man ihn Evgeni. Sogar die Namen Ă€nderten, je nach politischer Lage.
Europa von seinem Rand her erfassen
Wir befinden uns am Ă€ussersten Rand Europas, und es ist, als wĂŒrde die ArchĂ€ologin Grisebach von ihm her das Innere zu fassen versuchen. Nicht nur jenes des Fleckens an der Grenze zur TĂŒrkei und zu Griechenland, nein, auch vieles von dem, was Europa ausmacht, im Guten wie im Ungelösten. Zum Auffallenden gehört, dass Menschen in dieser europĂ€ischen Stadt SĂ€tze aussprechen wie «ArchĂ€ologie ist ein europĂ€isches Ding», oder erzĂ€hlen, sie wĂŒrden gerne nach Europa gehen. GrenzĂŒbergĂ€nge bringen es seit jeher und ĂŒberall mit sich, dass ein eigendynamischer Markt entsteht. Am Kapitan AndreewoâKapıkule, dem grössten GrenzĂŒbergang Europas, treffen auf der A4/E80 aus Istanbul nicht nur Waren fĂŒr Europa ein, auch Menschen suchen in der Gegend den Durchgang, beide nicht zwingend legal und also beide mit Verdienstmöglichkeiten. Diese reichen von der Aufbesserung des dĂŒrftigen Lohns am Zoll oder in der Warenkontrolle bis hin zu kĂŒhl berechneten dunklen GeschĂ€ften.
Das Kino lebt von Grenzerfahrungen, es hat frĂŒh schon Genres entwickelt, Abenteuerfilme wie Western, Krimis oder Mafiaepen mit Figuren, die uns vertraut wurden, auch wenn die meisten von uns kaum je real mit ihnen in Kontakt kamen. Auch die Filmemacherin wurde in ihrer Jugend in Berlin ĂŒber Genres sozialisiert, wenn sie mit ihrem Vater Klassiker anschaute. Bald einmal begann Valeska Grisebach zu begreifen, wie mĂ€nnlich geprĂ€gt die Filmgeschichte ist und wie viel die Filme uns vom Wesen der Gesellschaft erzĂ€hlen. Sie habe sich identifiziert mit den mĂ€nnlichen Helden, sagte sie im Kontext zum vorangegangenen Spielfilm Western, sei gleichzeitig verliebt gewesen und ausgeschlossen. Das Bild vom Genre ging ihr nicht aus dem Kopf, es sei wie eine Architektur gewesen, in die sie als Frau von aussen reingeguckt habe. Und dann, zu unserem GlĂŒck, machte sie den Schritt in dieses Dekor hinein, begann die ErzĂ€hlung und ihre VerklĂ€rungen aufzubrechen.
Das Genre will auch sie pflegen, und wir finden in Das getrĂ€umte Abenteuer Elemente, die fĂŒr Genres charakteristisch sind, aber die Filmemacherin verĂ€ndert die Sichtweise, öffnet sie, ĂŒberlĂ€sst die Helden der von ihnen als «Epoche des MĂ€nnlichen» glorifizierten Zeit sich selber und widmet sich dem Leben hinter der Fassade des Genres, hier ganz ausgeprĂ€gt dem der Frauen. Sie kehrt den Blick um, gibt sich nicht mit der Anweisung eines lokalen Gangsters zufrieden, der Said bedeutet, seine Begleiterin solle doch einen Spaziergang machen, wĂ€hrend sie, die MĂ€nner, sich miteinander ĂŒber ernste Dinge unterhalten.
Stripperin oder SĂ€ngerin
«Was bist du, Stripperin oder SĂ€ngerin?», das sind zwei Optionen, die fĂŒr selbstĂ€ndige Frauen hier vorgesehen sind. Veska ist nicht als Heldin angelegt, will auch keine sein. Als mutig darf man sie dennoch bezeichnen, in sich ruhend, selbstbewusst, fröhlich, wach, ohne Aufdringlichkeit. Sie macht ihre Arbeit, wirkt souverĂ€n und offen auf alle, schafft es selbst Iliya (Stoicho Kostadinov), einem letztlich einsamen Mafiatypen, der es gewohnt ist, zu bekommen, was er will, den Spiegel vorzuhalten. Sie kennt ihn seit KindesÂbeinen, er und Said waren untrennbare Freunde in der von ihm gern besungenen «Zeit der schönen Frauen und tollen Autos». Veska meint, sie hĂ€tte nicht solche Erinnerungen an die MĂ€nnerÂĂ€ra: «Ihr wart wie HyĂ€nen, einander betrĂŒgend.» Und klĂ€rt nach: «Einige der Jungs verkauften sich mehr als die Frauen.» Nach dem klĂ€renden GesprĂ€ch im Garten geht Veska mit Maria (Denislava Yordanova), der jungen Frau aus der Nachbarschaft, die sie wie eine Tochter beschĂŒtzen möchte, zur Party im Haus. «Baby donât hurt me no more» von Haddaway dröhnt aus der Anlage und die Frage «What is Love?» hallt durch die Nacht.
Geschichten der NĂ€chte
Wie an Lagerfeuern sitzen in Das getrĂ€umte Abenteuer immer wie der Menschen um einen nĂ€chtlichen Tisch und erzĂ€hlen, tauschen Gedanken, Erinnerungen. Auch das sind Fragmente, die die Regie fĂŒhrende ArchĂ€ologin aufschnappt und zusammensetzt, Teilchen der grossen ErzĂ€hlung einer Region am Ă€usseren Rand eines Kontinents, der sich immer noch finden muss oder immer wieder neu. ZunĂ€chst sind es MĂ€nner, die die Frau, die sich dazugesellt, aus ihren eigenen Rollenbildern heraus betrachten und auszuÂziehen versuchen, bald sind es Frauen, die den Ton angeben. Und immer mit dabei ist Veska. Sie geleitet uns, wir sind mit ihr, sie schaut hin, hört zu â und wir mit ihr. Alles wirkt selbstverstĂ€ndÂlich, jeder Satz, den wir aufschnappen, ist eine Scherbe zur Vase.
Begegnungen sind im Genrefilm elementar, aber sie sind dort in der Regel auf den Konflikt hin gedacht: Der Showdown steht am Horizont der ErzĂ€hlungen. Bei Grisebach ist das KonfliktpotenÂzial natĂŒrlich spĂŒrbar, wir sind ja als Zuschauende konditioniert darauf, wo ein bestimmtes Verhalten hinfĂŒhren kann und wie eine Situation fĂŒr die Protagonistin einzuschĂ€tzen ist. Aber sie behandelt das unterschwellig. Da liegt etwas in der Luft, da geht ein bedrohlich wirkender Typ vorbei, dort zeigt sich eine Un sicherheit, man weiss nicht, was geschieht, aber und vor allem aus dem Kino weiss man, was geschehen kann. In diesem Film, der keiner klassischen Dramaturgie folgt, heisst Konfrontation Begegnung, Entspannung, Wahrnehmen, Begreifen. «Willkom men», sagt die Frauenrunde, «danke fĂŒr den Besuch». Und: «FĂŒhlt euch wie zu Hause.»
Wider all die kriegerischen ErzÀhlungen
In Cannes hat die Regisseurin davon erzĂ€hlt, warum ihr diese Begegnungen gerade im aktuellen Kontext so wichtig sind: Es gebe so viele kriegerische ErzĂ€hlungen um uns herum, ĂŒberall «Konfliktbewertung, StĂ€rke, SchwĂ€che, oben, unten, wer gewinnt. Und ich hab einfach in diesen ganzen Recherchen so viele MenÂschen getroffen, die in ihrem alltĂ€glichen Leben so zugewandt sind und so zĂ€rtlich und so hilfsbereit. Also was ganz anderes leben. Und das ist fĂŒr mich eigentlich auch ein Widerstand gegen diese kriegerischen ErzĂ€hlungen.»
Ich glaube, beim Filmemachen geht es vor allem darum, mit Menschen in Kontakt zu treten. Und manchmal geht es auch darum, nicht alles zu wissen.
Valeska Grisebach
In ihrer Arbeit sind Laiendarsteller:innen elementar. NatĂŒrlich inszeniert auch sie das Leben, aber sie will es aus dem Leben heraus tun. Veska ist ihre ArchĂ€ologin in doppeltem Sinn: Sie grĂ€bt nach Fragmenten der Antike und findet im eigenen Alltag BruchstĂŒcke, die das Leben ausmachen. Ăber tausend Frauen hĂ€tten fĂŒr die Rolle vorgesprochen, doch am Ende sei es die zufĂ€l lige Begegnung mit Yana Radeva gewesen, die die in sich ruhende Hauptfigur verkörpern sollte: «Wir haben Yana auf der Strasse getroffen. Ich war beeindruckt von ihrer Eleganz und ihrem ChaÂrisma.» Syuleyman Alilov Letifov, der den Jugendfreund Said mit seinem schlitzaugigen Blick stoisch gibt, kannte Grisebach bereits von Western, wo er Adrian spielt, jene Figur, die im Dorf das Sagen hat. Auch er ein Laie; er fĂŒhrt in seinem Alltag ein GeschĂ€ft fĂŒr Autozubehör. Sinnigerweise hat Syuleyman eine Leidenschaft fĂŒr alte Geschichte und: fĂŒr ArchĂ€ologie. Schliess lich finden sich in der Region viele Spuren der Antike â das Gebiet gehörte zu Thrakien und damit zu einer der Ă€ltesten KulturlandÂschaften Europas, gemĂ€ss Homer war es das «goldene Reich des Orpheus».
«Ich habe dich gesucht.» â «Ich dich auch.»
Im Osten blickt man gerne auf den Westen, Grisebach ermuntert uns zum Blickwechsel. Die Filmvase, die da aus von ihr in aller Ruhe zusammengetragenen Fragmenten entsteht, mag BruchstelÂlen aufweisen, aber sie wirkt echt und ist geprĂ€gt von der SchönÂheit der kleinen Gesten des Alltags. Kameramann Bernhard Keller,
der mit seiner unaufdringlichen Betrachtung bereits Western mitgeprĂ€gt hat, lĂ€sst einen auch hier die Anwesenheit der KameÂra vergessen. Und Bettina Böhler als Schnittmeisterin setzt die Scherben mit Klebestellen zusammen, die sichtbar bleiben. Sie schneidet einzelne Szenen mit Jump Cuts, hĂŒpfend innerhalb ihrer selbst, was den Eindruck verstĂ€rkt, dass wir eben FragmenÂte betrachten.
Erst als Said im Garten auf Veska wartet, bleibt die Einstellung richtig lang. Er war nach 40 Filmminuten aus der Geschichte verschwunden, die mit ihm angefangen hatte, und Veska brachte den riskanten Treibstoffdeal zu Ende, den er ein gegangen war. «Ich habe den Treibstoff verkauft, schulde dir etwas Geld», sagt sie beim Wiedersehen. «Geld ist nicht wichtig fĂŒr mich. Ich hab dich vermisst», kontert er. Mit Elementen des Alltags, aus denen sich Geschichten wie von selber und wie nebenbei formen, gestaltet Valeska Grisebach ihre Filme. «So ist die ArchĂ€ologie nun einmal», sagt der Historiker Eric H. Cline, «eine fortlaufende Krimigeschichte, deren Handlung sich nach und nach entfaltet.»
Valeska Grisebach:
Valeska Grisebach, 1968 in Bremen geboren, studierte Philosophie und Germanistik in Berlin, MĂŒnchen und Wien. 1993 begann sie das Regiestudium an der Wiener Filmakademie bei Peter Patzak, Wolfgang GlĂŒck und Michael Haneke. Ihr Abschlussfilm Mein Stern wurde 2002 fĂŒr den Adolf-Grimme-Preis nominiertâŠ
Das getrÀumte Abenteuer
Artikel veröffentlicht: 22. Oktober 2026
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