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Interview

«Ich weiss, dass Mutter Teresa eine umstrittene Persönlichkeit ist»

Interview mit Teona Strugar Mitevska über ihren neuesten Film «Mother - Die Frau hinter der Ikone».

Ihre Teresa unterscheidet sich sehr von dem Bild, das wir von der mageren und lächelnden Heiligen haben. Sie ist nicht wirklich einfühlsam oder sanft, aber sie strahlt eine gewisse Kraft aus. Wie sind Sie auf diese Vorstellung von der Figur gekommen, die so weit von den Klischees entfernt ist?

Vor fünfzehn Jahren drehte ich einen Dokumentarfilm mit dem Titel Teresa and I. Damals erhielten wir die Erlaubnis, die vier letzten noch lebenden Schwestern des von Mutter Teresa gegründeten Ordens der «Missionarinnen der Nächstenliebe» zu interviewen. Es war ein ungewöhnlich warmer und feuchter November in Kolkata. Als ich die Erzählung einer der Schwestern filmte, war ich fasziniert von dem Bild, das ich von Mutter Teresa bekam: Sie war zugleich streng und liebenswert. Ich war begeistert von der Komplexität und Kühnheit dieser Persönlichkeit. Sie verkörperte alles, was ich sein wollte. Sie wurde wie ich in Skopje geboren; als Albanerin aus Mazedonien verkörpert sie die gesamte ethnische Vielfalt meines Landes.

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Zur gleichen Zeit entdeckte ich Moloch und Taurus von Alexander Sokurow. Und machte mir dieses Projekt zu eigen: eine historische Frauenfigur in einem neuen Licht zu präsentieren, fernab von Klischees. Ein Gedanke liess mich nicht los: Wie viele Männer haben wir in der Geschichte gefeiert,mit ihren besten wie auch ihren schlimmsten Seiten? Zu wenige Frauen hatten dieses Recht.

Ich vergleiche den Entstehungsprozess dieses Films mit einem Labyrinth, sowohl was das Schreiben als auch unseren Weg mit meinen Co-Autoren angeht. Wir wollten Themen ansprechen, die uns wichtig sind: Macht, Ehrgeiz und geschlechtsspezifische Rollen. Es war uns ein Anliegen, eine historische Frauenfigur zu präsentieren, die nicht idealisiert, sondern komplex und vielschichtig ist. Als Künstler:innen haben wir die Verantwortung, mit unserer Zeit in Resonanz zu treten. Eine schwedische Jugendliche vertraute mir mal ihre Empörung über das Fehlen komplexer weiblicher Figuren in der Literatur an. Unser Film versucht, dies zu leisten. Wir leben in einer Zeit, in der unbekannte Facetten der Geschichte, lange verborgene Wahrheiten, endlich ans Licht kommen können.

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Der Film behandelt auch das Thema Mutterschaft. Teresa scheint diesbezüglich ambivalent zu sein...

Ich weiss, dass Mutter Teresa eine umstrittene Persönlichkeit ist. Ihr Vermächtnis besteht aus aussergewöhnlichen Leistungen, aber auch aus beunruhigenden Widersprüchen. Sie war ein Kind ihrer Zeit. Ihre Haltung zur Abtreibung ist heute schwer zu verstehen, und ich teile sie nicht. Deshalb haben wir uns entschieden, ihre Geschichte zu erzählen, bevor sie zu der «Mutter Teresa» wurde, die wir kennen. Im Film ist Teresa 37 Jahre alt. Wir begleiten sie sieben Tage lang in ihrem Leben. Sie wird als Unternehmenschefin dargestellt, als Robin Hood ihrer Zeit, unerbittlich und ehrgeizig. Ihre Heiligkeit misst sich an ihren Taten, nicht an ihrer Haltung. So wird der Film zu einer Hommage an die Weiblichkeit, die Mutterschaft, die Sehnsucht und vor allem die Verbundenheit, die von drei Hauptfiguren gelebt wird: Teresa, Agnieszka und Pater Friedrich.

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Als intelligente und ehrgeizige Frau traf Teresa einige Entscheidungen. Zunächst musste sie herausfinden, wie sie ihre Ambitionen innerhalb der katholischen Kirche verwirklichen konnte. Dann wagte sie das Unmögliche: Sie bat um die Erlaubnis, einen eigenen Orden zu gründen und ihn auf ihre Weise, ohne männliche Aufsicht, zu leiten. «Gott bewahre uns vor einer ehrgeizigen Frau!» Der Gedanke der Freiheit kam in meinen Gesprächen mit den Schwestern oft zur Sprache. Zunächst verstand ich das nicht. Dann wurde mir klar: Diese Frauen weigerten sich, so zu leben, wie es die Gesellschaft von ihnen erwartete. Auf ihrer Suche nach Unabhängigkeit wählten sie die Religion als Zufluchtsort. Das ist ein widersprüchlicher Gedanke, aber man muss die sozialen und kulturellen Zwänge der damaligen Zeit berücksichtigen. Eine von ihnen sagte mir einmal, dass es eine enorme Erleichterung und ein Grund zu leben sei, sich nicht die Beine rasieren oder einem Mann gehorchen zu müssen. Das gilt auch heute noch. Stellen Sie sich also vor, wie es vor einem Jahrhundert gewesen sein muss...

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Ihre Filme thematisieren oft die Emanzipation der Frau mit starken und entschlossenen Figuren. Hier hegt Teresa einen tiefen Wunsch: Sie möchte eine Heilige werden. Das scheint eher eine Entscheidung als eine Berufung zu sein.

Ich glaube nicht, dass ich etwas anderes zeige als das, was ich täglich erlebe und beobachte. Frauen sind stark, fähig und kompetent. Genau das stelle ich in meinen Filmen dar: die starken Frauen meiner Familie, die mich grossgezogen haben. Mir wurde nie beigebracht, ein Opfer zu sein, sondern ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Ungleichheit – sei es aufgrund des Geschlechts oder der ethnischen Zugehörigkeit – empört mich. Teresa war sowohl Unternehmenschefin als auch Generalin einer Armee. Was ist Heiligkeit anderes als Handeln?

Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet? Haben Sie Recherchen durchgeführt?

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass Labina (die Produzentin) und ich die Einzigen sind, die über Videoaufnahmen der vier letzten Gründerinnen des Ordens verfügen, die Mutter Teresa gekannt haben. Ihre Erzählungen haben den Film bereichert und sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Figuren. Viele Dialoge im Film sind direkte Transkriptionen unserer Gespräche. Und dann ist da noch Kolkata: eine Stadt, die zugleich magisch und erschreckend ist. Die Entstehung dieses Films hat fünfzehn Jahre gedauert. Ich habe die Ausgestossenen, die Ausgeschlossenen, die Kranken, darunter auch Leprakranke, gefilmt, mit ihnen gelebt und mich unter sie gemischt. Ich habe sogar ein rituelles Bad im Ganges genommen, um zu verstehen, warum es für Teresa so wichtig war, dort zu sein. Dieser ganze Prozess war eine Erfahrung grosser Demut.

Die Vorbereitung ist eine Sache, aber wenn endlich der Drehtag kommt, holt uns die Realität ein. Indien ist ein Land mit einem immensen kulturellen und historischen Reichtum, aber es trägt auch die tiefen Narben der britischen Kolonialvergangenheit. Für Menschen aus dem Westen kann das auf den ersten Blick schwer zu verstehen sein. Die Zeit scheint dort anders zu vergehen, und im Rahmen eines Drehtages kann diese Wahrnehmung zunächst verwirrend sein.

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Wie haben Sie mit Noomi Rapace zusammengearbeitet, um ihre Figur zu entwickeln?

Ich wollte mit einer Schauspielerin zusammenarbeiten, die ganz natürlich diese «Punkrock»-Energie ausstrahlt, die Mutter Teresa meiner Meinung nach hatte und die eine gewisse Härte in sich trägt. Noomi ist ein Schatz: Sie ist gleichzeitig sensibel, ein Rockstar und eine Naturgewalt. Wir haben anderthalb Jahre damit verbracht, die Figur zu entwickeln. Ich glaube nicht an Wunder – und sie auch nicht –, sondern nur an harte Arbeit. Wir haben gelesen, jedes Wort des Drehbuchs analysiert und hinterfragt, recherchiert, einundzwanzig Versionen umgeschrieben. Es war ein langsamer, aber stetiger Aufstieg, vom Abgrund bis zum Gipfel.

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Wir haben auch über das Vermächtnis von Mutter Teresa gesprochen, über die Kontroversen, die sie umgeben, und darüber, was diese für uns als Frauen heute bedeuten. Wir haben die Tragweite ihres humanitären Wirkens, ihre religiösen Beweggründe, aber auch die Kritik, der sie zu Lebzeiten und nach ihrem Tod ausgesetzt war, untersucht. Diese Kontroversen finden in unserer Zeit, in der Geschlechterrollen und die Natur der Macht in all ihren Formen – einschliesslich Rassismus, Kolonialisierung und kapitalistischer Ausbeutung – neu überdacht werden, grossen Anklang.

Ich erinnere mich an eine lange E-Mail von Noomi, voller präziser Fragen. Es war unmöglich, weiterzumachen, ohne sie ehrlich und klar zu beantworten. Als Regisseurin war ich überwältigt von Noomis vollständiger Verwandlung. Ich werde den Moment ihrer Offenbarung nie vergessen. Sie rief mich mit zitternder Stimme an, mit einer Zerbrechlichkeit, die ich zuvor nie an ihr bemerkt hatte. Sie hatte Angst. Und ich verstand, dass sie die Figur bis in ihre innersten Ängste hinein vollständig verkörpert hatte. Diese Zerbrechlichkeit im Herzen von Teresas Stärke zu finden, war der letzte Schritt. Es war wunderschön. Es war ein Wendepunkt für sie, für mich und für Teresa. Wir waren eins geworden.

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Wie viel Freiheit haben Sie sich gegenüber den tatsächlichen Ereignissen genommen?

Durch die Zeit, die wir mit den Missionarinnen der Nächstenliebe verbracht haben, haben wir in vielerlei Hinsicht entdeckt, wer Mutter Teresa wirklich war. Die Szene mit dem Taschenrechner und Schwester Katarina ist inspiriert von einer Aussage einer der vier Schwestern, die ich für Teresa und mich interviewt habe. Das Gleiche gilt für die Geschichte, die Agnieszka über ihren Bruder erzählt, der General wurde. Eine andere Schwester erzählte uns von ihrer Beziehung zu materiellen Gütern, ihrer Manie, die Möbel in jedem Zimmer umzustellen, und ihrer Weigerung, Dinge anzusammeln. Die gesamte Figur ist von diesen Aussagen geprägt. «Viens sois ma lumière», eine Sammlung ihrer persönlichen Aufzeichnungen, berichtet von ihrer Zeit der Zweifel. Die Kontroverse um ihre Beziehung zu ihrem Beichtvater, Pater Exam, wird in unserem Film durch die Figur von Pater Friedrich thematisiert.

Zu Beginn des Schreibens zögerten wir, diese Beziehung und die tiefe Verbindung, die sie zu ihrem Beichtvater hatte, anzusprechen. Aber ich konnte mich nicht von dieser Frage lösen: Wie konnte eine Frau, die in mancher Hinsicht so modern war, eine so harte Haltung gegenüber der Abtreibung einnehmen, einem Thema, das für uns Frauen so intim ist? Mutter Teresa wurde dafür immer kritisiert. Ich weigere mich, der Kontroverse auszuweichen. Deshalb haben wir uns entschieden, diese Komplexität direkt anzugehen und zu versuchen, sie zu verstehen.

Filmstill «Mother - Die Frau hinter der Ikone»

Warum haben Sie sich entschieden, diese Geschichte zu erzählen?

Mein Vater sagte mir: «Ich weiss nicht, ob Gott existiert, aber die Vorstellung von etwas, das grösser ist als ich selbst, inspiriert mich dazu, höhere Ziele anzustreben.» Er war Maler. Als Künstler:innen versuchen wir alle, etwas zu schaffen, das über uns selbst hinausgeht. Deshalb mache ich Kunst und Filme. Mother ist die natürliche Fortsetzung dieses Strebens: die filmische Form zu erforschen, Grenzen zu überschreiten und den Mut zu haben, mich frei auszudrücken, indem ich Geschichten erzähle, die ich für wichtig halte. Schliesslich ist Mutter Teresa Albanerin, wie ich, und wir kommen beide aus Mazedonien. Ich bin stolz auf sie.

portrait Teona Strugar Mitevska

Teona Strugar Mitevska:

Teona Strugar Mitevska, born 1974 in North Macedonia, started as a child actor, trained as a painter and graphic designer and studied film at NYU-Tisch School of Arts. She directed her first short, VETA, in 2001, and has been making films ever since: HOW I KILLED A SAINT, 2004; I AM FROM TITOV VELE…

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